Ronja von Rönne: Wir kommen

Buchcover: Wir kommen von Ronja von Rönne
(c) Aufbau-Verlag

Meine Mutter sagt, was man liebt, muss man ziehen lassen. Also habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen.

Ronja von Rönne: Wir kommen

Wenn ich könnte, würde ich so schreiben wie Ronja von Rönne. Simple Sätze, die, richtig kombiniert, im Kopf explodieren. Ausgelutschte Phrasen, die, in einen neuen Kontext gesetzt, plötzlich wieder überraschen. Zudem ist die Gute gerade mal Mitte 20 und wirkt schon als hätte sie das Leben durchschaut. In ihrem Romandebüt Wir kommen (2017) genauso wie auf sudelheft.

Ich jedenfalls fühle mich beim Lesen ertappt, etwas beschämt und großartig unterhalten von dieser Zusammenstellung aus freigelegten Klischees und obskuren Lebensweisheiten, die die komische Tragik des Lebens zum Vorschein bringen. Zumindest des Lebens, das man als junger sich ständig neurotisch selbstreflektierender Großstädter einer bestimmten Gesellschaftsschicht heute so kennt. Ronja von Rönne ist wenn nicht gar ,,A Voice of A Generation“, dann doch auf jeden Fall eine coole Socke.

Man wusste, ohne sich mit jemandem zu unterhalten, welche drei in Frage kommenden Parteien man wählte, was man frühstückte, man wusste Gemüsekisten-Abo, man wusste geraspelte Avocadokerne, man wusste, dass die nette Weinhändlerin an der Ecke eigentlich vom Grasverkauf an Mittelstufensprecher lebte, man wusste Altbau, man wusste Kinderzimmer mit Schleichtieren, man wusste dass Bioäpfel verschrumpelt sein müssen, sonst sieht ja keiner, was für Opfer man bringt, man wusste Montessori und Waldorf, man wusste zutiefst unglückliche Beziehungen mit geschmackvollem Interieur, man kannte die Angst vor dem Fall, die Unzuverlässigkeit der gehobenen Mittelschicht, man wusste Klischees zu bedienen, man wusste nicht, was man alldem entgegensetzen konnte, man wusste nicht, wohin mit sich, man war viele, viel zu viele.

Wir kommen – worum geht es?

Die Inhaltsbeschreibung klingt nach einem dieser Sarah-Kuttner-Romane: Nora, die oberflächlich betrachtet ein recht hippes Leben führt, leidet unter Depressionen und Panikattacken. Dagegen hilft weder die Therapie noch ihre verbindlich unverbindliche Vierecksbeziehung mit Freund, Ex-Freund und dessen Neuer plus Kind. Als Nora von dem Tod ihrer Freundin Maja erfährt, gerät ihre ohnehin schon labile Psyche noch mehr aus dem Gleichgewicht. Ein gemeinsamer Urlaub mit der dysfunktionalen Wahlfamilie und Erinnerungen an die gemeinsame Jugendzeit mit Maja offenbaren tiefe Abgründe.

Der Clou an diesem Roman und das was ihn von der Nabelschau-Prosa einer Sarah Kuttner unterscheidet, ist dass es nicht darum geht, erschöpfend die eigenen Befindlichkeiten durchzuhecheln. Vielmehr bietet er, obwohl er sich als das ichbezogene Tagebuch der Protagonistin ausgibt, eine entrückte Perspektive, die über das Ich hinausgeht und Muster freilegt, die typisch für die Generation der Protagonistin sind. Diese Muster stammen aus Filmen, sie stammen aus der Werbung oder sind eben Klischees, die sich leider viel zu oft bewahrheiten. Sie bilden das alltägliche Kulturgut, das unaufhörlich in uns hineinsickert und dem man sich nur schwerlich entziehen kann. Was man schnell merkt, wenn man versucht, sich etwas außerhalb dieser Muster vorzustellen.

Nora weiß, dass in ihrem Leben etwas nicht stimmt. Was genau es ist, kann sie aber nicht greifen. Sie gibt nur ihre von Metaphern und Symbolen gespeisten Eindrücke wider, die sich wie eine Demaskierung ihrer Generation lesen. Die Verzweiflung hinter den Klischees, hinter Hashtags und Instagram-Filtern. Was ist noch echt in einer Welt, in der alles bereits mit Bedeutung besetzt ist und nur noch Pose oder ironisches Zitat sein kann? In der man gefangen ist in vorgeprägten Mustern?

Das ewige Lied der Popliteratur, die sich seit Jahrzehnten unterhaltsam an der sinnentleerten Konsumgesellschaft abarbeitet. Was Ronja von Rönne dem hinzufügt? Abgesehen vom aktuellen Zeitbezug und den Pointen, die ins Mark treffen, die Tatsache, dass sie gerne das ausspricht, was sich nicht gehört. Und damit bricht sie zumindest ein bisschen mit den Mustern, was erleichternd und sehr unterhaltsam ist.

Mein persönlicher Lieblingssatz aus Wir kommen:

Man braucht keine Freunde zum Pferdestehlen, man braucht Freunde zum Doppelkopfspielen.

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