Babylon Berlin – zurecht gehypt?

Es hätte so schön sein können. Babylon Berlin (2017) als die große, deutsche Vorzeige-Serie, die das Berlin der Weimarer Republik kurz vor ihrem Ende zum Leben erweckt und den Zuschauer daraus vielleicht sogar ein paar Lehren für die Gegenwart ziehen lässt. Doch zu früh gefreut. Nachdem die flirrende erste Staffel Großes versprach, outete die zweite Staffel das Niveau der Serie – als das eines recht konventionellen ARD-Fernsehfilms.

Was ist schiefgelaufen? Was mit den vielversprechenden Figuren und Handlungssträngen der ersten Staffel passiert? Leider wurde jegliche Komplexität zugunsten einer recht hölzernen Gut-Böse-Verfolgungsjagd aufgelöst. Der gute Polizist und sein weiblicher Sidekick auf den Spuren der bösen Reichswehr, die ein Attentat auf Stresemann plant. Dazu ein Liebesdreieck und – man will dem Fernsehzuschauer schließlich ein bisschen Action gönnen – am Ende sogar ein Pistolenduell auf einem fahrenden Zug, der bald darauf in die Luft fliegt. Das war selbst für mich, die ich von der ersten Staffel wirklich angetan war, zu viel. Wie so viele andere Formate scheitert auch Babylon Berlin daran, dass es einfach zu viel auf einmal sein will: Politthriller, Krimi, Action, Romanze, Historiendrama.

Vor der Enttäuschung war da aber auch eine große Begeisterung. Dafür, dass sich eine Serie nicht bloß dem Glanz und Glamour der Zwanziger annimmt, sondern gleich dem gesamten politischen System der Weimarer Republik. Dafür, dass eine Serie greifbar macht, warum dieses System scheitern musste und den idealen Nährboden für den Nationalsozialismus bot. Klingt stark nach Geschichtsunterricht klingt, wurde aber selten, wenn gar noch nie so cool inszeniert.

Staffel 1 & 2 – Worum es geht

Berlin, 1929. Vier Jahre vor der Machtübernahme durch die Nazis prallen in Berlin die Extreme aufeinander. Nationalisten hetzen gegen Sozialdemokraten. Linke wie Rechte tragen ihre Kämpfe offen auf der Straße aus.  In dekadenten Nachtklubs wird eine neue Hemmungslosigkeit gefeiert, während Arbeiter und Arbeitslose auf engstem Raum in Hinterhöfen ein elendiges Dasein fristen.

Der erste Weltkrieg ist über 10 Jahre her und doch sind seine Spuren allgegenwärtig. Nicht nur in den Traumata und körperlichen Versehrtheiten so vieler Veteranen, sondern auch in den vielen neuen Freiheiten, die er zur Folge hatte. Und so gehören emanzipierte Frauen und ein lockerer Lebenswandel genauso zum Stadtbild wie all diejenigen, die immer noch die Niederlage des 1. Weltkriegs beweinen und sich nichts sehnlicher als das Kaiserreich zurückwünschen.

Eine explosive Mischung, auf die der Kölner Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) trifft als er nach Berlin kommt, um in der Abteilung „Sitte“ einen persönlichen Fall zu lösen. Selbst durch das sogenannte Kriegszittern gezeichnet, begegnet er all den Figuren, die die verschiedenen Facetten Berlins zu dieser Zeit repräsentieren. Seinem Kollegen Bruno (Peter Kurth, der hier mindestens so beeindruckend ist wie in In den Gängen), dem erzkonservativen Nationalisten, der über Leichen geht. Der Berliner Göre Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die aus ärmlichen Verhältnissen stammt, Prostituierte bei Nacht und Stenotypistin am Tag ist. Dem gutmütigen Stadtrat, der als Sozialdemokrat und Jude gleich in doppelter Hinsicht angefeindet wird. Den fanatischen Kommunisten, die im sogenannten „Blutmai“ brutal von der Polizei niedergeschlagen werden. Den Mafiosi, die nicht nur einen Pornoring, sondern auch den angesagtesten Nachtclub der Stadt betreiben. Und dann sind da noch ein paar Russen, die eine Revolution planen und ein Zug mit einer Ladung Gold an Bord.

Es sind eine Menge Figuren, die sich in der ersten Staffeln tummeln und die Handlung undurchsichtig erscheinen lassen. Doch genau darin liegt der Reiz. Gereon, den Volker Bruch so schön leidend verkörpert, erscheint als gebrochener Charakter. Was genau ihn umtreibt und auf welcher Seite er steht, wird in der ersten Staffel jedoch immer nur angedeutet. Genauso verhält es sich mit seinem Kollegen Bruno, der ein machtgeiles Monster genauso sein kann wie ein loyaler Freund. Die Dynamik zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Polizisten ist ein guter, roter Faden durch das Chaos, das sie umgibt. Und Charlotte, deren erklärtes Ziel es ist, die erste Mordkommissarin Berlins zu werden, bringt die nötige Portion Schlagfertigkeit und Humor mit, die es braucht, um ein bisschen Leichtigkeit in eine ansonsten schwer beladene Serie hineinzubringen.

Diese Konstellation aus großartigen Schauspielern, komplexen Handlungssträngen und Berlin im historischen Gewand reichte aus, um mich süchtig zu machen. Bis zur zweiten Staffel.

Zu viele Köche verderben den Brei?

Zu Beginn der zweiten Staffel nahm der Sog ein abruptes Ende. Das Geheimnisvolle, das Undurchsichtige löste sich auf. Plötzlich war völlig klar, wer der Gute und wer der Böse in dieser dann doch recht simplen Kriminal-Geschichte ist und nun ging es nur noch darum, das ganze zum unweigerlichen Showdown zu treiben. Mit möglichst spektakulären Special Effects, wie der unnötigen Flugzeugszene oder dem besagten Duell auf dem Zug, von dem ich gehofft hatte, es handele sich hier genauso um eine unmotivierte Traumsequenz wie die, in der Gereon und die Ex seines gefallenen Bruders (Hanna Herzsprung) plötzlich zu tanzen anfangen. Leider war das aber durchaus ernst gemeint.

Wozu bringt man in der ersten Staffel so viele Figuren ins Spiel, wenn man sie in der darauf folgenden einfach ins Leere laufen lässt? Um zu beweisen, dass man Komplexität, aber auch Action kann? Dass man mit internationalen Serien-Formaten mithalten kann? Gerade dieses sichtliche Bemühen darum, „Großes“ vollbringen zu wollen, ist das, was der Serie letztlich geschadet hat.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass bei einer so großen Produktion (für Sky und die ARD) zu viele Leute ihre Finger im Spiel hatten. Neben Tom Tykwer fungierten auch Achim von Borries und Hendrik Handloegten als Autoren und Regisseure. Wie schafft man es da ein Format zu finden, das allen gerecht wird? Es hat schon seinen Grund, warum die wirklich guten Serien nur einen Showrunner haben.

Und doch, alle großen Erwartungen einmal beiseite genommen, ist Babylon Berlin gute, bildgewaltige Unterhaltung, ein Who is Who der deutschen Schauspiellandschaft (mit dem einen oder anderen Gesicht aus  Dark) und nach Bad Banks ein weiterer guter Grund dieses Jahr, die öffentlich-rechtliche Mediathek zu aufzusuchen. Meinen Oktober hat die Serie jedenfalls ein bisschen spektakulärer gemacht.

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4 Kommentare zu „Babylon Berlin – zurecht gehypt?“

  1. Die Überschrift gibt nicht so ganz wieder, was im Text steht 😛

    Bei den beiden Kritikpunkten zu CGI und Action gehe ich konform, zum Glück mach die nur sehr wenig Laufzeit der zweiten Staffel aus. Hätten sie sich zwar sparen können, allerdings ändert das nichts daran, dass auch die zweite Staffel gut unterhält.

    „Es hat schon seinen Grund, warum die wirklich guten Serien nur einen Showrunner haben.“

    So ganz kann ich den Klugscheißer-Modus nicht ausschalten. Denn im Grunde haben die großen US-amerikanischen Serien (auf die du wahrscheinlich anspielst) alle einen Writer’s-Room, in dem sehr viele Köche den Brei nicht verderben, sondern die richtigen Zutaten heraussuchen. Dazu wechseln häufig die Regisseure und auch die in den Credits genannten Autoren bei einzelnen Folgen durch. Insofern hat man bei Babylon Berlin vergleichsweise sogar weniger Köpfe im Hintergrund agieren.
    Es gibt zwar häufig nur einen „Creator“, der mit seinem Namen herhält (wobei zwei hier auch keine Seltenheit sind), aber der ist in keinster Weise alleine für die Serie verantwortlich. Er hatte halt die Grundidee, die er beim Sender gepitcht hat.
    Je nach Serie legt dieser Showrunner mehr oder weniger wert darauf, am Ende das letzte Wort zu haben. Verallgemeinert zu sagen, dass drei unterschiedliche Crews Babylon Berlin einen Dämpfer gegeben hat, würde ich nicht unterschreiben. Das ist insofern keine Seltenheit, besonders wenn es unterschiedliche Drehorte gibt. Letzen Endes müsste man auch noch das US-amerikanische Studiosystem in die Rechnung mit aufnehmen. Je nachdem, welcher Sender die Serie bestellt, haben auch die (ausführenden) Produzenten im Hintergrund ein Wörtchen mitzureden.

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    1. Klugscheißer-Modus finde ich gut. 🙂 Na ja, die Überschrift bezieht sich darauf, dass die Serie gerne als DIE tolle deutsche Serie angepriesen wird und wahrscheinlich auch schon mit dieser Intention produziert wurde, weshalb sie stellenweise recht bemüht wirkt. Letztlich wird sie dem Hype nämlich nicht gerecht, weil sie nach der tollen ersten Staffel ganz schön nachlässt. Und zwar nicht nur wegen der peinlichen CGI Momente, sondern auch erzähltechnisch. Klar ist es immer noch gute Unterhaltung. Aber es geht leider dann doch in eine sehr klischeehafte Richtung und das hätte man doch vermeiden können. Ich hatte hier den Eindruck, dass man sich am sonstigen ARD-Programm orientiert hat, um die Zuschauer nicht zu überfordern. Sprich, man musste wahrscheinlich auch die Erwartungen und Wünsche des Öffentlich-Rechtlichen berücksichtigen. So wirkte es jedenfalls auf mich.
      Klar, arbeiten viele Leute an so einer Serie mit. Aber letztlich sieht man doch, dass beispielsweise bei Breaking Bad und Better Call Saul ein kreativer Kopf dahinter steht, der vermutlich keine Kompromisse macht. Das hat mir bei Babylon Berlin gefehlt. Dass man dem Zuschauer einfach mehr zutraut.

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      1. Hype ist ja immer relativ, aber gerade im Vergleich zu manch anderen deutschen Serien, wie z.B. Parfum, deren deutsche Herkunft man in jeder Einstellung merkt (bemühtes Drama und Konflikte), macht Babylon Berlin viel richtig und braucht sich meiner Meinung nach auch nicht von Produktionen aus anderen Ländern verstecken.
        Da ich zudem der Meinung bin, dass die Serie (wie viele Serien) gerade mit den ersten beiden Folgen schwach beginnt und sich umso mehr steigert, bin ich auch gerade mit der zweiten Staffel sehr zufrieden (abzüglich des unnötigen CGI-Gewitters). Es kommt Spannung auf, die Figuren entwickeln neue Facette und es geschehen trotz des historischen Bezuges viele Dinge, die ich nicht vorhergesehen habe.
        Ein Unterforderung habe ich nicht gespürt. Um nochmal Parfum als Negativbeispiel zu nennen: da wird dem Zuschauer wirklich jedes Fitzelchen in Dialogen, Monologen und langen Einstellungen erklärt,damit auch ja jeder mitkommt.

        Da sich Breaking Bad auch erst ab der zweiten Staffel in eine Richtung entwickelt hat, dass die Macher sich sehr viel erlaubt haben, bin ich auch bei Babylon Berlin guter Dinge, denn die ersten beiden Staffeln wurden am Stück gedreht. Bei der dritten toben sie sich vielleicht mehr aus.

        Auch wenn die Serie nicht an mein deutsches Highlight „Dark“ herankommt, bin ich sehr zufrieden mit dem, was ich zu sehen bekommen habe.

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      2. Ja, dass vieles richtig gemacht wurde, bestreite ich gar nicht. Aber dass die Produzenten sich mit Mad Men messen wollen, da fehlt es leider noch ein ganzes Stück. Da nützt es nicht, alle möglichen Register zu ziehen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Auch mit „Dark“, das für mich auch ein großes Highlight war.

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