Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel

Buchcover: Schau heimwärts, Engel von Thomas Wolfe
(c) Manesse

Mit niemandem geht man so hart ins Gericht wie mit der eigenen Familie. Diese Erkenntnis bleibt mir von Thomas Wolfes Schau heimwärts, Engel (1929) erhalten. Der amerikanische Klassiker verwendet über 700 Seiten darauf, die Charakterfehler und Schwächen einer Familie breitzutreten. Das jedoch in so epischer Größe, das sich ganz nebenbei ein vielstimmiges Südstaaten-Kolorit aus der Zeit zwischen dem amerikanischem Bürgerkrieg und dem erstem Weltkrieg entfaltet.

Dieser epischen Größe und dem amerikanischen Wild-Western-Flair ist es zu verdanken, dass ich dran geblieben bin an dieser dann doch für meinen Geschmack zu pathetischen Geschichte einer Kindheit und Jugend, die wohl nicht zufällig an Wolfes eigene Biografie erinnert. Schau heimwärts, Engel, den er mit 29 Jahren veröffentliche, blieb der einzige Roman des mit 38 verstorbenen Autors. Allein schon deshalb schindet dieses Buch enormen Eindruck.

Und er dachte an die seltsamen verlorenen Gesichter, die er gekannt hatte, die einsamen Gestalten seiner Verwandten, Verdammte im Chaos, alle an ein Schicksal des Untergangs und Verlusts gekettet – Gant, ein gefallener Titan, der in die endlosen Fluchten der Vergangenheit hinabstarrte und der Welt um sich herum nicht achtete; Eliza, die nach Käferart in blindem Sammeleifer herumkrabbelte; Helen ohne Kind, ohne Ziel und voller Zorn – eine mächtige Welle, die an öde Gestade schlug; schließlich Ben – der Geist, der Fremde, der in diesem Augenblick durch eine andere Stadt streifte, die tausend Straßen des Lebens auf und ab ging und keine Türen fand.

Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel

Worum es geht: Die Familie als Schicksal

Schau heimwärts, Engel ist die Geschichte von Eugene Gant, einem begabten, phantasievollen Jungen, der mit seinen Fähigkeiten wie ein Fremdling in der eigenen Familie wirkt. Weder der große Gant, der sein Leben dem Alkohol und der Völlerei verschrieben hat, noch die krankhaft geizige Eliza können etwas mit der Begabung ihres Sohnes anfangen, sofern sich daraus kein materieller oder sozialer Mehrwert schöpfen lässt.

Nichtsdestotrotz schafft Eugene es mit der Unterstützung seiner Lehrer als erster und einziger seiner Familie auf die Universität und später nach Harvard. Auf diesem Weg verzweifelt er recht hochtrabend nicht nur an den typischen Herausforderungen des Erwachsenwerdens, sondern immer wieder auch an den Eigenheiten seiner Eltern und Geschwister. Seine Familie kann man sich eben nicht aussuchen und muss sich doch ein Leben lang mit ihr auseinandersetzen.

Er dachte an seine eigene Familie mit Furcht und beinahe mit Hass. Mein Gott! Soll ich denn niemals frei sein?

Schau heimwärts, Engel

So viel es zu diesem Thema auch zu sagen gibt, für meinen Geschmack wiederholt sich der Erzähler in diesem Roman ein paar Mal zu oft. Doch weil die Erzählweise so oft aus der Reihe tanzt und nicht selten an Ulysses erinnert, zum Beispiel wenn der Alltag in Gants Heimatstädtchen in all seiner synchronen Vielstimmigkeit wiedergegeben wird, ist Wolfes Roman mehr als nur ein etwas redundant geratener Familienroman.

Von der amerikanischen Seele

Eugenes Geschichte beginnt mit der Geschichte seiner Vorfahren – deutschen Einwanderern aus Pennsylvania, von denen sich Vater Gant abnabelt, um allein in den Südstaaten sein Glück zu versuchen. Nach Jahren der Wanderschaft landet er in Altamont, einem Ort, an dem die Menschen den Ausgang des amerikanischen Bürgerkrieges noch nicht verinnerlicht haben. Noch dünn besiedelt, doch im Aufschwung, wie seine zukünftige Gattin nicht müde wird zu betonen.

Während Eugene aufwächst, entwickelt sich das entlegene Örtchen zwischen den Bergen zu einem modernen Städtchen, in dem Gier, Arroganz und Rassismus vorherrschen und die Reichen immer reicher werden, während die Schwarzen sich in Ghettos zusammenpferchen. Weil den Gants hier der große Erfolg versagt bleibt und sie nur durch familiäre Skandale von sich Reden machen, leben sie an der Peripherie der gut betuchten Gesellschaft und bemühen sich erfolglos, den Dunst des Versagens loszuwerden.

Wie sein Vater einst will auch Eugene sich aus den Verhältnissen, in die er hineingeboren wurde, lösen und dem Ruf des Landes folgen, sich allein auf fremdem Terrain behaupten. Nur dass er nicht nach einem Ort sucht, an dem er sich niederlassen kann. Wie so viele andere junge Gockel seiner Generation sucht er lieber Heldenruhm und Abenteuer und sieht im Krieg in Übersee dafür das ideale Sehnsuchtsziel.

Unsere Sinne wurden von unserem gewaltigen Land genährt, unser Blut hat gelernt, nach dem mächtigen Pulsschlag Amerikas zu fließen, das wir zwar verlassen, aber nie verlieren und nie vergessen können.

Fazit

Ich hatte Lust auf einen großen amerikanischen Roman á la Früchte des Zorns und den habe ich mit Schau heimwärts, Engel auch bekommen, selbst wenn die Handlung um einiges ereignisärmer daherkommt als erwartet. Mal klassischer Entwicklungsroman, mal unerwartetes Feuerwerk verschiedenster Erzählstile – diese Geschichte einer Kindheit und Jugend im Amerika des ausgehenden 20. Jahrhunderts taucht tief hinein in das Milieu ihres phantasiebegabten Protagonisten.

Ein kleines Highlight: Eugene beschreibt seinen ersten Alkoholrausch.

Warum, wenn es doch möglich war, Gott in einer Flasche zu kaufen und ihn auszutrinken und selbst ein Gott zu werden, waren die Menschen nicht ewig betrunken?

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