Günter Grass: Die Blechtrommel

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Was habe ich mich gequält durch die 779 Seiten dieses nie enden wollenden, absurden Mammut-Romans. Nur um am Ende sagen zu können: Ich habe Die Blechtrommel (1959) gelesen. Hat es sich gelohnt? Das versuche ich gerade herauszufinden. Was ich daraus gelernt habe? Mir muss nicht alles gefallen. Nobelpreis für Literatur hin oder her. Denn tatsächlich ist Günter Grass‘ Blechtrommel alles andere als ein Lesegenuss. Schon allein deshalb, weil der Roman einen ziemlich ekligen Nachgeschmack hinterlässt.

Eklig im wahrsten Sinne des Wortes, denn Grass scheint wirklich einen Fetisch für den Ekel zu haben. Seitenlange Passagen über Aale in Pferdeköpfen, die Mutter, die sich mit Fisch zu Tode frisst, geteilte Waldmeister-Spucke als Liebesritual oder Nudelgerichte, die im immer selben Wasser gekocht und in verkrusteten, schmierigen Tellern serviert werden. Solche Details sind es, die Deutschlands großem Nachkriegsliteraten am meisten Spaß zu machen scheinen. Und ich habe nicht herausfinden können, was er damit bezwecken will.

Vielleicht möchte er damit beim Leser den gleichen Lebensekel erwecken, wie ihn seine Hauptfigur Oskar von Geburt an empfindet. Einen Ekel vor dem biedermeierlichen Leben in diesem katastrophalen Jahrhundert. Einen Ekel, der so groß ist, dass Oskar an seinem dritten Geburtstag beschließt, nicht mehr weiter zu wachsen und von nun an nur noch per Blechtrommel mit seiner Umwelt kommuniziert.

Die Blechtrommel ist Oskars Lebensbericht, ein über 30 Jahre umfassender Bericht, der nicht nur seine Familiengeschichte, sondern auch die deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichte und die Geschichte der Stadt Danzig mit einschließt. Ein großer Roman mit unerschöpflichem Interpretationspotenzial, wie für Germanistik-Seminare geschaffen. Muss man ihn deswegen mögen? Weiterlesen „Günter Grass: Die Blechtrommel“

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Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

Bitterlich anthony-doerr-alles-licht-das-wir-nicht-sehen-picgeweint und geschluchzt habe ich über Anthony Doerrs Roman Alles Licht, das wir nicht sehen (2014). Schon lange hat mich ein Roman emotional nicht mehr so mitgenommen. Dabei konnte ich nicht einmal auf Anhieb sagen, was mich so getroffen hat. Klar, Bücher, die im Krieg spielen, bieten selten Anlass zu Heiterkeit, und die Schwangerschaftshormone dürften ihr Übriges beigetragen haben. Doch dieses Buch ist weit entfernt von einer kitschigen Kriegsromanze, die plump auf die Tränendrüse drückt. Vielmehr ist es die Schönheit dieser Sprache, das Mystische, Schicksalhafte dieser Geschichte, der krasse Kontrast zur Realität des Zweiten Weltkrieges, der mir so unter die Haut gefahren ist.

Ja, Alles Licht, das wir nicht sehen ist eine Kriegsgeschichte, aber mehr noch ist es ein wunderbares Märchen. Ein Märchen von einem blinden, französischen Mädchen und einen ungewöhnlichen, deutschen Waisenjungen, die auf beinahe magische Weise zueinander finden, um einander zu erretten.

Die Kapitel des Romans, die in datierter und doch keiner chronologischen Reihenfolge aufeinanderfolgen, tragen so poetische Titel wie Die Gleichzeitigkeit der Augenblicke und eröffnen dem Leser Vorstellungswelten, die aus dem herkömmlichen Erzählrahmen fallen. Indem das Buch uns das Unsichtbare näher bringt, inspiriert es uns dazu, an das Unmögliche zu glauben.

Wir alle entstehen aus einer einzigen Zelle, kleiner als ein Staubkorn. Viel kleiner. Dividiere. Multipliziere. Addiere und subtrahiere. Marterie wechselt den Besitzer, Atome verbinden und lösen sich, Moleküle drehen sich, Proteine fügen sich zusammen, Mitochondrien senden ihre oxidativen Weisungen aus. Wir beginnen als mikroskopischer elektrischer Schwarm. Die Lunge, das Gehirn, das Herz. Vierzig Wochen später werden sechs Billionen Zellen durch den Geburtskanal der Mutter gepresst, und wir stoßen unseren ersten Schrei aus. Die Welt nimmt uns auf.
Marie-Laure schiebt die Geheimtür auf. Werner nimmt ihre Hand und hilft ihr heraus. Ihre Füße finden den Boden des Zimmers ihres Großvaters.

(Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen)

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Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari
(c) Pantheon Verlag

Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Würden diese schweren Fragen immer so  leicht, klug und unterhaltsam behandelt wie von Yuval Noah Harari in seinem Bestseller Eine kurze Geschichte der Menschheit (2011), würde ich vermutlich mehr Sachbücher lesen. Oder anders gesagt: Ich wünschte, man hätte mir Geschichte in der Schule so lebendig präsentiert. Dann hätte ich vermutlich mehr davon behalten.

Eine kurze Geschichte der Menschheit ist pures Vergnügen für Wissenshungrige. Mit Präzision und Leichtigkeit umreißt das Buch die letzten 70.000 Jahre unserer Zeitrechnung und damit den Aufstieg des Menschen vom ,,ziemlich unauffälligen Tier“ zum Herrscher über den Planeten. Wie konnte sich der Homo sapiens gegen die anderen Menschenarten behaupten? Wie glücklich war das Leben der Jäger und Sammler und warum gaben diese ihr freies Nomadenleben auf, um Bauern zu werden? Warum wurden vor allem die Gene der fügsamsten und fürsorglichsten Frauen an die nächste Generation weitergegeben? Welche Folgen hatten Ackerbau und Städtegründung für den Menschen? Welche die industrielle Revolution?

Wie kommt es, dass wir einst ein Leben im Einklang mit der Natur führten und uns im Laufe der Zeit lieber zu Sklaven von Uhrzeit, Geld, Bürokratie und Konsum gemacht haben?  Hat uns diese Entwicklung glücklich gemacht? Was ist Glück überhaupt? Wie sieht der Mensch der Zukunft aus und was ist eigentlich sein Ziel? Weiterlesen „Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit“

Eine Reise nach Sibirien

Ich bin in Sibirien geboren und kenne dieses Land doch kaum. Ich war nie am Baikalsee oder habe ein Gebirge aus der Nähe gesehen. Alles was ich über die Menschen dort weiß, leite ich aus meinen Kindheitserinnerungen ab, die sich auf ein klitzekleines Dorf in der Steppe beschränken. Drum ziehen mich Reiseerfahrungen aus dieser Gegend magisch an. Am Osterwochenende sind mir glücklicherweise gleich zwei Bücher in die Hände gefallen, dank denen ich ganz abtauchen konnte in Russisch-Fernost. Sylvain Tessons In den Wäldern Sibiriens (2011) und Katerina Poladjans und Hennig Fritschs Hinter Sibirien (2016). Das eine ein Tagebuch der Einsamkeit, das andere der persönliche Reisebericht einer Heimatsuchenden.

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Urlaubslektüre: Portugal, Part 2

Portugal_Urlaublslektüre
Traumaussicht: Azenhas do Mar

In die Sonne sollte es gehen, raus aus dem aufreibenden Berliner Winter, rein in das Laissez-faire des Frühlings. Meer gucken, im Sand buddeln, Fisch essen und selbstverständlich ganz viel lesen. Weil wir an unseren Urlaub letztes Jahr in Portugal noch so schöne Erinnerungen hatten, wollten wir wieder dorthin. Diesmal erst in die Hauptstadt, dann an die Nordküste. Was wir nicht bedacht hatten, war, dass so ein Frühling auf unsere Wünsche keine Rücksicht nimmt. Statt Sonne und Strand hieß es also eine Woche mit Kuscheldecke vor dem Kamin hocken, während draußen Sturm und Regen tobten.

Die-Liebe-in-den-Zeiten-der-CholeraNichtsdestotrotz, gelesen haben wir viel. Der Klops hat die ersten Märchen für sich entdeckt, die bessere Hälfte war mit Juli Zehs Unterleuten beschäftigt und ich hatte Pascal Merciers Nachtzug nach Lissabon und Gabriel García Márquez‘ Die Liebe in den Zeiten der Cholera im Gepäck. Zwei große Romane, von denen einer leider unerträglich war. Weiterlesen „Urlaubslektüre: Portugal, Part 2“

Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes

Elena Ferrante_Die Geschichte des verlorenen Kindes
(c) Suhrkamp

Je näher ich dem Ende kam, desto enttäuschter war ich. Vielleicht deshalb, weil es nun einfach zu Ende ging, vielleicht auch weil ich mir von Die Geschichte des verlorenen Kindes, dem vierten und letzten Band von Elena Ferrantes Neapel-Saga mehr versprochen hatte. Aber was eigentlich? Einen großen Höhepunkt, eine Aufklärung über Lilas Person oder zumindest über ihr Verschwinden? Am Ende geschah nichts dergleichen. Die Geschichte endet genau dort, wo sie beginnt. Mit dem Unterschied, dass wir nun das ganze Ausmaß des traurigen und letztlich doch unspektakulären Lebens der Verschwundenen kennen. Und vielleicht hinterlässt dieses für sich schon einen bitteren Beigeschmack. Die sich nicht erfüllende Hoffnung. Das Potential, das mit zunehmendem Alter versickert und nichts hervorbringt.

Was mir in Die Geschichte des verlorenen Kindes außerdem auffiel, ist, dass mir Ich-Erzählerin Elena, die uns die Geschichte ja immerhin erzählt, zunehmend unsympathischer wurde. Während sie mir besonders in Band 3 so nahe wie eine gute Freundin schien, mit deren Gedanken ich mich absolut identifizieren konnte, beginnt sie sich im 4. Band zunehmend im Kreis und damit überwiegend um sich selbst zu drehen. Hier vor allem um ihre Schriftstellerkarriere und den fast schon peinlichen Wunsch, unbedingt zur Elite zu gehören. Ein Wunsch, der sie am Ende ihre Freundschaft mit Lila kostet, und zwar ausgerechnet dann, als sie diese am nötigsten hat. So viel zu Solidarität unter Frauen – ihrem ewigen Mantra. Weiterlesen „Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes“

Juli Zeh: Unterleuten

Unterleuten von Juli Zeh
(c) btb

Obwohl Unterleuten keine hundert Kilometer von Berlin entfernt lag, hätte es sich in sozialanthropologischer Hinsicht genauso gut auf der anderen Seite des Planeten befinden können. Unbemerkt von Politik, Presse und Wissenschaft existierte hier eine halb-anarchische, fast komplett auf sich gestellte Lebensform, eine Art vorstaatlicher Tauschgesellschaft, unfreiwillig subversiv, fernab vom Zugriff des Staates, vergessen, missachtet und deshalb auf seltsame Weise frei. (Juli Zeh: Unterleuten)

Unterleuten, das ist das 200-Seelen-Dorf in Brandenburg, um das es in Juli Zehs Roman geht. Hier treffen Zugezogene auf Alteingesessene, einfache Dörfler auf politisch korrekte Ex-Großstädter, Traditions- auf Fortschrittswillen. Als hier plötzlich auch noch Windräder errichtet werden sollen, wird die ohnehin schon gespaltene Dorfgemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Es scheint, als verdichteten sich in Unterleuten die gesellschaftlichen Konflikte unserer Zeit.

Das Jahr ist noch so jung und schon könnte es sein, dass ich mein Buch des Jahres gefunden haben. Juli Zehs Unterleuten (2016) hat mich so begeistert wie lange kein Roman mehr. Warum? Weil er klug und komplex ist und dabei auf keiner Seite an Spannung verliert. Weil er vor bitterbösem Sarkasmus strotzt und seinen Protagonisten dennoch liebevoll begegnet. Weil er es schafft, die Stimmung eines Landes und seiner Typen auf ein Dorf herunterzubrechen. Ein großer Gesellschaftsroman, keine Frage, und zugleich ein „Thriller unserer Zeit“, wie ausgerechnet Martin Schulz in der FAZ schreibt, wo er das Buch vor dem Wahlkampf als sein aktuelles Lieblingsbuch präsentierte. Davon sollte man sich jetzt aber nicht abschrecken lassen. Weiterlesen „Juli Zeh: Unterleuten“