Marlène Schiappa: Wer braucht schon Schlaf?

Romancover: Wer braucht schon Schlaf?Wer braucht schon Schlaf? Das ist aktuell der Refrain meines Lebens. Und weil ich das vor der Geburt von Nr. 2 schon irgendwie geahnt hatte, habe ich mir diesen mit dem Etikett „Frauen“ versehenen Roman von Marlène Schiappa in die Kliniktasche gesteckt.

Normalerweise bin ich skeptisch mit solchen Etikettierungen. Dahinter steckt meist ein Kalkül, welches solche Romane vorhersehbar und uninteressant macht. In diesem Fall habe ich ein Auge zugedrückt, weil ich wusste, so ein bisschen leichte Frauenpower und ein paar Worte, die mir aus der Seele sprechen, würden mir ganz gut tun.

Und so war es auch. Wer braucht schon Schlaf? (2014) von der Französin Marlène Schiappa gehört definitiv in die Kategorie Chick Lit. Doch das im besten Sinne. Der Roman bedient bewusst die gängigen Klischees, setzt immer noch eine Schippe drauf, um die Gagdichte zu erhöhen. Macht sich aber auch einen Spaß daraus, die Erwartungen des Lesers zu untergraben und im schrillsten Ton Themen wie Feminismus und Mutterschaft zu verhandeln. Kurzum: Ich fühlte mich verstanden, gut unterhalten und meinerseits wie eine Romanheldin, so zwischen Narbenschmerzen und Milcheinschuss. Weiterlesen „Marlène Schiappa: Wer braucht schon Schlaf?“

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Gute Urlaubslektüre? Gelesen im Sommer

In den letzten Wochen wurde ich häufiger gefragt, ob ich ein gutes Buch für den Urlaub empfehlen könne. Ich empfahl Bücher, die mir zuletzt gut gefallen hatten und bekam zu hören: Die seien zu ernst oder zu nah dran am eigenen Leben. Auf die Frage, was denn nun gute Urlaubslektüre ausmache, habe ich keine zufriedenstellende Antwort bekommen.

Sollte es etwas möglichst Simples und Vorhersehbares sein (siehe Charlotte Link und Co.), um die grauen Zellen wenigstens im Urlaub zu schonen? Sollten es Bücher aus dem jeweiligen Urlaubsland sein, die das Urlaubsfeeling thematisch noch unterstreichen oder andersherum: genau das Gegenteil, um einem Lagerkoller vorzubeugen? Wann wenn nicht im Müßiggang der Ferienzeit sollte man genau die Bücher lesen, nach denen einem gerade der Sinn steht?

Ich widme mich diesen Fragen mit einem Blick auf meine eigene Sommerlektüre. Ich wurde in den Bann gezogen von Emma Clines The Girls, habe gelacht bei Marc-Uwe Klings Qualityland und geweint bei Anthony Doerrs Kurzgeschichtensammlung Die Tiefe.

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Anna Galkina: Das neue Leben

Buchcover: Das neue Leben von Anna Galkina

Anna Galkina hat ein Buch geschrieben, das stellvertretend für die Erfahrungen sehr vieler Aussiedler und Migranten stehen könnte, die Anfang der 90er Jahre aus der zerfallenen Sowjetunion nach Deutschland kamen. Vom Abschied, Auffanglagern und Notunterkünften, von Vorurteilen und unerfüllten Träumen handelt Das neue Leben (2017), aber auch von der Hoffnung, vom zarten Zauber des Neuanfangs und nicht zuletzt von der ganz persönlichen Geschichte einer jungen Frau. Der heimatlosen Ich-Erzählerin Nastja, die der Leser schon aus Galkinas Erstlingswerk Das kalte Licht der fernen Sterne kennt und die auch hier wieder kein Blatt vor den Mund nimmt.

Ich gebe zu, ich war kritisch mit Galkinas erstem Roman. Doch ab sofort bezeichne ich mich gerne als ihr Fan. Das neue Leben hat mich getroffen. Und das obwohl oder gerade weil es weniger sprachgewaltig ist als ihr Debut. War mir die Gegenüberstellung von Zartheit und Brutalität hier zu radikal, konnte ich mich in ihrem zweiten Roman schon besser darauf einlassen. Denn Humor, Ironie und harte Realität wirken hier nicht künstlich nebeneinander gestellt, sondern erscheinen viel mehr als zwei natürliche Seiten einer Medaille.

Und so habe ich gelacht, geweint und Nastjas Erfahrungen immer wieder mit meinen eigenen (leicht verklärten Kindheitserinnerungen an die ersten Monate in Deutschland) abgeglichen. Weiterlesen „Anna Galkina: Das neue Leben“

Bov Bjerg: Auerhaus

Buchcover: Auerhaus von Bov Bjerg
(c) Aufbau Verlag

Our house / in the middle of the street… – Bov Bjergs Roman Auerhaus (2015) klingt auf den ersten Blick nach Pop, nach Spaß, nach jugendlichem Leichtsinn. Schließlich geht es darin um sechs Freunde, die kurz vor dem Abitur zusammen in eine WG mitten auf dem Dorf ziehen und so für kurze Zeit zu spüren bekommen, was es heißt, frei zu sein. Auch die Sprache des jugendlichen Ich-Erzählers ist so schlicht und einfach, dass es manchmal weh tut (beinahe jeder Satz wird mit einem sinnlosen „egal“ oder „quasi“ relativiert).

Und doch: Auerhaus ist kein seichter Jugendroman. Bjergs Erzählstil nicht zu unterschätzen. Denn der jugendliche Leichtsinn, den diese WG für kurze Zeit erleben darf, ist nur ein flüchtiger Moment, der noch während er andauert von Abschiedsschmerz durchdrungen ist. Und Bjerg schafft es wie schon in seinem Debut Deadline (2008) seine Erzählung so zu komprimieren, dass bereits kleine Szenen ausreichen, um komplexe Charaktere zum Leben zu erwecken. Kurze Momente, die Bände sprechen, verpackt in einer erstaunlich knappen, punktgenauen Sprache, die selbst Themen wie Depression und Suizid so natürlich integriert, dass der Roman davon zu keiner Zeit beschwert wird. Weiterlesen „Bov Bjerg: Auerhaus“

Zweifelhafte Buchgeschenke: Ellen Sandberg, Charlotte Link & Co.

Buchcover von Ellen Sandberg und Charlotte LinkJeder, der in seinem Familien- und Freundeskreis als passionierter Leser verschrien ist, kennt das: Buchgeschenke, die so gar nichts mit dem eigenen Geschmack zu tun haben. Mir geht es jedes Mal so, wenn mir mein Bruder mal wieder einen Charlotte-Link-Krimi untern Weihnachtsbaum legt. Ich bin kein großer Fan von Krimis und schon gar nicht von solchen, die an die 600 Seiten heiße Luft enthalten. (Wie ist es sonst zu erklären, dass Leute wie Charlotte Link solche Wälzer am Fließband produzieren können?)

Aber ich will nicht meckern. Mein Bruder liest selbst nicht und muss daher annehmen, dass das was im Buchladen oder an Autobahnraststätten auf den vorderen Plätzen steht, gut ist. Und manchmal, nur manchmal erweist sich ein solches Buch tatsächlich als spannend. So ergangen ist es mir im letzten Urlaub jedenfalls mit Ellen Sandbergs Die Vergessenen (2018). Leichte Kost, die sich an einem Tag weglesen lässt, als Gegenprogramm zur bedeutungsschweren Großliteratur (siehe Grass‘ Blechtrommel, die mich zuletzt so gequält hat). Wie gemacht für den faulen All-Inclusive-Urlauber, der einfach mal den Kopf ausschalten will. Andere Romane wie Links Die Entscheidung (2016) sind in ihrer Banalität so schwer zu ertragen, dass sie wahrscheinlich für immer halb gelesen auf meinem Nachttisch ausharren müssen. Weiterlesen „Zweifelhafte Buchgeschenke: Ellen Sandberg, Charlotte Link & Co.“

Günter Grass: Die Blechtrommel

Günther-Grass-Die-Blechtrommel

Was habe ich mich gequält durch die 779 Seiten dieses nie enden wollenden, absurden Mammut-Romans. Nur um am Ende sagen zu können: Ich habe Die Blechtrommel (1959) gelesen. Hat es sich gelohnt? Das versuche ich gerade herauszufinden. Was ich daraus gelernt habe? Mir muss nicht alles gefallen. Nobelpreis für Literatur hin oder her. Denn tatsächlich ist Günter Grass‘ Blechtrommel alles andere als ein Lesegenuss. Schon allein deshalb, weil der Roman einen ziemlich ekligen Nachgeschmack hinterlässt.

Eklig im wahrsten Sinne des Wortes, denn Grass scheint wirklich einen Fetisch für den Ekel zu haben. Seitenlange Passagen über Aale in Pferdeköpfen, die Mutter, die sich mit Fisch zu Tode frisst, geteilte Waldmeister-Spucke als Liebesritual oder Nudelgerichte, die im immer selben Wasser gekocht und in verkrusteten, schmierigen Tellern serviert werden. Solche Details sind es, die Deutschlands großem Nachkriegsliteraten am meisten Spaß zu machen scheinen. Und ich habe nicht herausfinden können, was er damit bezwecken will.

Vielleicht möchte er damit beim Leser den gleichen Lebensekel erwecken, wie ihn seine Hauptfigur Oskar von Geburt an empfindet. Einen Ekel vor dem biedermeierlichen Leben in diesem katastrophalen Jahrhundert. Einen Ekel, der so groß ist, dass Oskar an seinem dritten Geburtstag beschließt, nicht mehr weiter zu wachsen und von nun an nur noch per Blechtrommel mit seiner Umwelt kommuniziert.

Die Blechtrommel ist Oskars Lebensbericht, ein über 30 Jahre umfassender Bericht, der nicht nur seine Familiengeschichte, sondern auch die deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichte und die Geschichte der Stadt Danzig mit einschließt. Ein großer Roman mit unerschöpflichem Interpretationspotenzial, wie für Germanistik-Seminare geschaffen. Muss man ihn deswegen mögen? Weiterlesen „Günter Grass: Die Blechtrommel“

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

Bitterlich anthony-doerr-alles-licht-das-wir-nicht-sehen-picgeweint und geschluchzt habe ich über Anthony Doerrs Roman Alles Licht, das wir nicht sehen (2014). Schon lange hat mich ein Roman emotional nicht mehr so mitgenommen. Dabei konnte ich nicht einmal auf Anhieb sagen, was mich so getroffen hat. Klar, Bücher, die im Krieg spielen, bieten selten Anlass zu Heiterkeit, und die Schwangerschaftshormone dürften ihr Übriges beigetragen haben. Doch dieses Buch ist weit entfernt von einer kitschigen Kriegsromanze, die plump auf die Tränendrüse drückt. Vielmehr ist es die Schönheit dieser Sprache, das Mystische, Schicksalhafte dieser Geschichte, der krasse Kontrast zur Realität des Zweiten Weltkrieges, der mir so unter die Haut gefahren ist.

Ja, Alles Licht, das wir nicht sehen ist eine Kriegsgeschichte, aber mehr noch ist es ein wunderbares Märchen. Ein Märchen von einem blinden, französischen Mädchen und einen ungewöhnlichen, deutschen Waisenjungen, die auf beinahe magische Weise zueinander finden, um einander zu erretten.

Die Kapitel des Romans, die in datierter und doch keiner chronologischen Reihenfolge aufeinanderfolgen, tragen so poetische Titel wie Die Gleichzeitigkeit der Augenblicke und eröffnen dem Leser Vorstellungswelten, die aus dem herkömmlichen Erzählrahmen fallen. Indem das Buch uns das Unsichtbare näher bringt, inspiriert es uns dazu, an das Unmögliche zu glauben.

Wir alle entstehen aus einer einzigen Zelle, kleiner als ein Staubkorn. Viel kleiner. Dividiere. Multipliziere. Addiere und subtrahiere. Marterie wechselt den Besitzer, Atome verbinden und lösen sich, Moleküle drehen sich, Proteine fügen sich zusammen, Mitochondrien senden ihre oxidativen Weisungen aus. Wir beginnen als mikroskopischer elektrischer Schwarm. Die Lunge, das Gehirn, das Herz. Vierzig Wochen später werden sechs Billionen Zellen durch den Geburtskanal der Mutter gepresst, und wir stoßen unseren ersten Schrei aus. Die Welt nimmt uns auf.
Marie-Laure schiebt die Geheimtür auf. Werner nimmt ihre Hand und hilft ihr heraus. Ihre Füße finden den Boden des Zimmers ihres Großvaters.

(Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen)

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