Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari
(c) Pantheon Verlag

Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Würden diese schweren Fragen immer so  leicht, klug und unterhaltsam behandelt wie von Yuval Noah Harari in seinem Bestseller Eine kurze Geschichte der Menschheit (2011), würde ich vermutlich mehr Sachbücher lesen. Oder anders gesagt: Ich wünschte, man hätte mir Geschichte in der Schule so lebendig präsentiert. Dann hätte ich vermutlich mehr davon behalten.

Eine kurze Geschichte der Menschheit ist pures Vergnügen für Wissenshungrige. Mit Präzision und Leichtigkeit umreißt das Buch die letzten 70.000 Jahre unserer Zeitrechnung und damit den Aufstieg des Menschen vom ,,ziemlich unauffälligen Tier“ zum Herrscher über den Planeten. Wie konnte sich der Homo sapiens gegen die anderen Menschenarten behaupten? Wie glücklich war das Leben der Jäger und Sammler und warum gaben diese ihr freies Nomadenleben auf, um Bauern zu werden? Warum wurden vor allem die Gene der fügsamsten und fürsorglichsten Frauen an die nächste Generation weitergegeben? Welche Folgen hatten Ackerbau und Städtegründung für den Menschen? Welche die industrielle Revolution?

Wie kommt es, dass wir einst ein Leben im Einklang mit der Natur führten und uns im Laufe der Zeit lieber zu Sklaven von Uhrzeit, Geld, Bürokratie und Konsum gemacht haben?  Hat uns diese Entwicklung glücklich gemacht? Was ist Glück überhaupt? Wie sieht der Mensch der Zukunft aus und was ist eigentlich sein Ziel? Weiterlesen „Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit“

Advertisements

Eine Reise nach Sibirien

Ich bin in Sibirien geboren und kenne dieses Land doch kaum. Ich war nie am Baikalsee oder habe ein Gebirge aus der Nähe gesehen. Alles was ich über die Menschen dort weiß, leite ich aus meinen Kindheitserinnerungen ab, die sich auf ein klitzekleines Dorf in der Steppe beschränken. Drum ziehen mich Reiseerfahrungen aus dieser Gegend magisch an. Am Osterwochenende sind mir glücklicherweise gleich zwei Bücher in die Hände gefallen, dank denen ich ganz abtauchen konnte in Russisch-Fernost. Sylvain Tessons In den Wäldern Sibiriens (2011) und Katerina Poladjans und Hennig Fritschs Hinter Sibirien (2016). Das eine ein Tagebuch der Einsamkeit, das andere der persönliche Reisebericht einer Heimatsuchenden.

Weiterlesen „Eine Reise nach Sibirien“

Urlaubslektüre: Portugal, Part 2

Portugal_Urlaublslektüre
Traumaussicht: Azenhas do Mar

In die Sonne sollte es gehen, raus aus dem aufreibenden Berliner Winter, rein in das Laissez-faire des Frühlings. Meer gucken, im Sand buddeln, Fisch essen und selbstverständlich ganz viel lesen. Weil wir an unseren Urlaub letztes Jahr in Portugal noch so schöne Erinnerungen hatten, wollten wir wieder dorthin. Diesmal erst in die Hauptstadt, dann an die Nordküste. Was wir nicht bedacht hatten, war, dass so ein Frühling auf unsere Wünsche keine Rücksicht nimmt. Statt Sonne und Strand hieß es also eine Woche mit Kuscheldecke vor dem Kamin hocken, während draußen Sturm und Regen tobten.

Die-Liebe-in-den-Zeiten-der-CholeraNichtsdestotrotz, gelesen haben wir viel. Der Klops hat die ersten Märchen für sich entdeckt, die bessere Hälfte war mit Juli Zehs Unterleuten beschäftigt und ich hatte Pascal Merciers Nachtzug nach Lissabon und Gabriel García Márquez‘ Die Liebe in den Zeiten der Cholera im Gepäck. Zwei große Romane, von denen einer leider unerträglich war. Weiterlesen „Urlaubslektüre: Portugal, Part 2“

Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes

Elena Ferrante_Die Geschichte des verlorenen Kindes
(c) Suhrkamp

Je näher ich dem Ende kam, desto enttäuschter war ich. Vielleicht deshalb, weil es nun einfach zu Ende ging, vielleicht auch weil ich mir von Die Geschichte des verlorenen Kindes, dem vierten und letzten Band von Elena Ferrantes Neapel-Saga mehr versprochen hatte. Aber was eigentlich? Einen großen Höhepunkt, eine Aufklärung über Lilas Person oder zumindest über ihr Verschwinden? Am Ende geschah nichts dergleichen. Die Geschichte endet genau dort, wo sie beginnt. Mit dem Unterschied, dass wir nun das ganze Ausmaß des traurigen und letztlich doch unspektakulären Lebens der Verschwundenen kennen. Und vielleicht hinterlässt dieses für sich schon einen bitteren Beigeschmack. Die sich nicht erfüllende Hoffnung. Das Potential, das mit zunehmendem Alter versickert und nichts hervorbringt.

Was mir in Die Geschichte des verlorenen Kindes außerdem auffiel, ist, dass mir Ich-Erzählerin Elena, die uns die Geschichte ja immerhin erzählt, zunehmend unsympathischer wurde. Während sie mir besonders in Band 3 so nahe wie eine gute Freundin schien, mit deren Gedanken ich mich absolut identifizieren konnte, beginnt sie sich im 4. Band zunehmend im Kreis und damit überwiegend um sich selbst zu drehen. Hier vor allem um ihre Schriftstellerkarriere und den fast schon peinlichen Wunsch, unbedingt zur Elite zu gehören. Ein Wunsch, der sie am Ende ihre Freundschaft mit Lila kostet, und zwar ausgerechnet dann, als sie diese am nötigsten hat. So viel zu Solidarität unter Frauen – ihrem ewigen Mantra. Weiterlesen „Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes“

Juli Zeh: Unterleuten

Unterleuten von Juli Zeh
(c) btb

Obwohl Unterleuten keine hundert Kilometer von Berlin entfernt lag, hätte es sich in sozialanthropologischer Hinsicht genauso gut auf der anderen Seite des Planeten befinden können. Unbemerkt von Politik, Presse und Wissenschaft existierte hier eine halb-anarchische, fast komplett auf sich gestellte Lebensform, eine Art vorstaatlicher Tauschgesellschaft, unfreiwillig subversiv, fernab vom Zugriff des Staates, vergessen, missachtet und deshalb auf seltsame Weise frei. (Juli Zeh: Unterleuten)

Unterleuten, das ist das 200-Seelen-Dorf in Brandenburg, um das es in Juli Zehs Roman geht. Hier treffen Zugezogene auf Alteingesessene, einfache Dörfler auf politisch korrekte Ex-Großstädter, Traditions- auf Fortschrittswillen. Als hier plötzlich auch noch Windräder errichtet werden sollen, wird die ohnehin schon gespaltene Dorfgemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Es scheint, als verdichteten sich in Unterleuten die gesellschaftlichen Konflikte unserer Zeit.

Das Jahr ist noch so jung und schon könnte es sein, dass ich mein Buch des Jahres gefunden haben. Juli Zehs Unterleuten (2016) hat mich so begeistert wie lange kein Roman mehr. Warum? Weil er klug und komplex ist und dabei auf keiner Seite an Spannung verliert. Weil er vor bitterbösem Sarkasmus strotzt und seinen Protagonisten dennoch liebevoll begegnet. Weil er es schafft, die Stimmung eines Landes und seiner Typen auf ein Dorf herunterzubrechen. Ein großer Gesellschaftsroman, keine Frage, und zugleich ein „Thriller unserer Zeit“, wie ausgerechnet Martin Schulz in der FAZ schreibt, wo er das Buch vor dem Wahlkampf als sein aktuelles Lieblingsbuch präsentierte. Davon sollte man sich jetzt aber nicht abschrecken lassen. Weiterlesen „Juli Zeh: Unterleuten“

Ian McEwan: Am Strand // Kindeswohl

Am Strand von Ian McEwan gehört zu den Büchern, die man gerne mal in diesen Das-solltest-du-gelesen-haben-Listen findet. Und so stand der Autor von Abbitte (meine einzige Assoziation damit: Keira Knightley) schon seit einer Weile auf meiner Liste. Nach den zwei kurzen Romanen (Am Strand, Kindeswohl), mit denen ich mich ins neue Jahr gelesen habe, konnte ich mir ein Bild machen.

Ian McEwan ist ein expliziter Autor, der wenig der Assoziation oder Phantasie überlässt. Er schildert Situationen und Handlungen mit einem feinen Gespür für Details und liefert die kausalen, psychologischen Zusammenhänge gleich mit. Das macht seine Romane nicht gerade innovativ, aber auch nicht weniger ergreifend. Am Ende von Am Strand flossen die Tränen – und das in der überfüllten U8.

Sollte man dieses Buch oder diesen Autor deshalb unbedingt gelesen haben? Nun ja, in Mad Men habe ich mit Sicherheit mehr über die destruktive Prüderie der 60er Jahre gelernt. Nichtsdestotrotz, die dichte Atmosphäre einer Nacht, das Unausgesprochene zwischen zwei Menschen – in seiner Kürze ist Am Strand ein Meisterstück. Und auch Kindeswohl alles andere als Zeitverschwendung. Weiterlesen „Ian McEwan: Am Strand // Kindeswohl“

Jane Austen: Überredung / Anne Elliot

Jane Austen Überredung Reclam Buchcover
(c) Reclam

Zwei verschiedene Titel, ein und derselbe Roman. Wie ich peinlicherweise feststellen musste, nachdem ich auf der Suche nach der deutschen Ausgabe von Jane Austens Persuasion (1817) nicht nur Überredung, sondern auch Anne Elliot mit nach Hause brachte. Kannte ich schließlich beide noch nicht. Je mehr Jane Austen zu den Feiertagen, desto besser. Autsch. Böser Fauxpas. Auch wenn ich der Meinung bin, dass die Übersetzer zumindest was den Titel betrifft, einen Konsens finden sollten.

Hätte ich mehr Ahnung gehabt, hätte ich natürlich gewusst, dass es sich bei Überredung und Anne Elliot nur um ein und denselben Roman handeln kann. Denn Anne Elliot ist die Hauptprotagonistin von Persuasion (einigen wir uns mal darauf). Die Elisabeth, die Emma dieser Aschenputtel-Story. Mit dem Unterschied, dass Anne kein junges, stolzes Mädchen ist, sondern 27 Jahre alt. Und damit im alten England schon auf dem Abstellgleis, eine alte Jungfer, deren Schönheit bereits verwelkt ist, wie es hier so nüchtern heißt. Letzte Chance für Anne also, die Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen und ihrer lieblosen Familie durch eine Heirat den Rücken zu kehren – dem selbstverliebten Vater, der die adlige Familie mit seiner Verschwendungssucht in den Ruin treibt und den zwei hochnäsigen Schwestern, die Anne wie eine Hausangestellte behandeln. Weiterlesen „Jane Austen: Überredung / Anne Elliot“