Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel

Buchcover: Schau heimwärts, Engel von Thomas Wolfe
(c) Manesse

Mit niemandem geht man so hart ins Gericht wie mit der eigenen Familie. Diese Erkenntnis bleibt mir von Thomas Wolfes Schau heimwärts, Engel (1929) erhalten. Der amerikanische Klassiker verwendet über 700 Seiten darauf, die Charakterfehler und Schwächen einer Familie breitzutreten. Das jedoch in so epischer Größe, das sich ganz nebenbei ein vielstimmiges Südstaaten-Kolorit aus der Zeit zwischen dem amerikanischem Bürgerkrieg und dem erstem Weltkrieg entfaltet.

Dieser epischen Größe und dem amerikanischen Wild-Western-Flair ist es zu verdanken, dass ich dran geblieben bin an dieser dann doch für meinen Geschmack zu pathetischen Geschichte einer Kindheit und Jugend, die wohl nicht zufällig an Wolfes eigene Biografie erinnert. Schau heimwärts, Engel, den er mit 29 Jahren veröffentliche, blieb der einzige Roman des mit 38 verstorbenen Autors. Allein schon deshalb schindet dieses Buch enormen Eindruck.

Und er dachte an die seltsamen verlorenen Gesichter, die er gekannt hatte, die einsamen Gestalten seiner Verwandten, Verdammte im Chaos, alle an ein Schicksal des Untergangs und Verlusts gekettet – Gant, ein gefallener Titan, der in die endlosen Fluchten der Vergangenheit hinabstarrte und der Welt um sich herum nicht achtete; Eliza, die nach Käferart in blindem Sammeleifer herumkrabbelte; Helen ohne Kind, ohne Ziel und voller Zorn – eine mächtige Welle, die an öde Gestade schlug; schließlich Ben – der Geist, der Fremde, der in diesem Augenblick durch eine andere Stadt streifte, die tausend Straßen des Lebens auf und ab ging und keine Türen fand.

Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel
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Das Beste aus 2018

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2018 habe ich 25 Bücher gelesen (klingt verdammt wenig), 48 Filme gesehen und in 32 Serien zumindest einmal reingeguckt (klingt verdammt zu viel). Den Vorsatz vom letzten Jahr, mehr zu lesen und weniger zu glotzen, habe ich nicht eingehalten. Im Gegenteil: Die Zahl der halbherzig gebingten Serien hat eher zugenommen. Zum einen liegt das daran, dass wir uns dieses Jahr endgültig vom herkömmlichen Fernsehen verabschiedet haben. Zum anderen waren die letzten Monate so anstregend, dass ich oft weder die Muße noch die nötige Konzentration für Dinge hatte, die meine volle Aufmerksamkeit erforderten.

Von den 9 Monaten Schwangerschaft und den 3 Monaten Baby-Wahnsinn, die dieses Jahr für mich bereit hielt, habe ich mich immer noch nicht ganz erholt. Die Mutterschaft 2.0 erweist sich nebst allen emotionalen Hochs und Tiefs vor allem als sehr zeitintensiv. Mit zwei Kids ist jede Minute, die man für sich selbst hat, ein Luxusgut. Weshalb ich im neuen Jahr auch darüber nachdenken muss, was und wie viel von diesem Blog ich noch weiterführen will. Zudem könnte er ohnehin mal einen neuen Anstrich vertragen.

Seltsam wie schnell etwas, das man eigentlich zum Vergnügen macht, zu einer selbst auferlegten Pflicht wird. Hätte ich aber nicht alles dokumentiert, was ich gelesen und gesehen habe, könnte ich jetzt auch nicht diese spaßigen, kleinen Best-Of-Listen machen.

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Ronja von Rönne: Wir kommen

Buchcover: Wir kommen von Ronja von Rönne
(c) Aufbau-Verlag

Meine Mutter sagt, was man liebt, muss man ziehen lassen. Also habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen.

Ronja von Rönne: Wir kommen

Ich würde gerne schreiben wie Ronja von Rönne. Simple Sätze, die, richtig kombiniert, im Kopf explodieren. Ausgelutschte Phrasen, die, in einen neuen Kontext gesetzt, plötzlich wieder überraschen. Zudem ist die Gute gerade mal Mitte 20 und wirkt schon als hätte sie das Leben durchschaut. In ihrem Romandebüt Wir kommen (2017) genauso wie auf sudelheft.

Ich jedenfalls fühle mich beim Lesen ertappt, etwas beschämt und großartig unterhalten von dieser Zusammenstellung aus freigelegten Klischees und obskuren Lebensweisheiten, die die komische Tragik des Lebens zum Vorschein bringen. Zumindest des Lebens, das man als junger sich ständig neurotisch selbstreflektierender Großstädter einer bestimmten Gesellschaftsschicht heute so kennt. Ronja von Rönne ist wenn nicht gar ,,A Voice of A Generation“, dann doch auf jeden Fall eine coole Socke.

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Horrorctober: Stephen Kings Es

Lesen im Herbstlaub: Stephen Kings Es

Obwohl ich mich jedes Jahr wieder auf Halloween freue, muss ich auch immer wieder feststellen, dass mein zartes Gemüt sich für das Horror-Genre wenig eignet. Das Leben ist schon aufregend genug, da braucht es kein zusätzliches Adrenalin, um mich nachts wach zu halten. Ich bin auch nicht jemand, der Bungeejumping für eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung hält. Aber wenn da schon ein 1500 Seiten starker Roman darauf wartet, gelesen zu werden – Stichpunkt zweifelhafte Buchgeschenke – dann lässt mir das einfach keine Ruhe.

Zumal es sich bei Stephen Kings Es (1986) um einen Klassiker seines Genres handelt, der so häufig zitiert wird, dass er mittlerweile zum allgemeinen Kulturgut gehört. Dieser goldene Oktober schien mir ein guter Zeitpunkt, um nähere Bekanntschaft mit dem berühmten Horror-Clown zu machen.

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Marlène Schiappa: Wer braucht schon Schlaf?

Romancover: Wer braucht schon Schlaf?Wer braucht schon Schlaf? Das ist aktuell der Refrain meines Lebens. Und weil ich das vor der Geburt von Nr. 2 schon irgendwie geahnt hatte, habe ich mir diesen mit dem Etikett „Frauen“ versehenen Roman von Marlène Schiappa in die Kliniktasche gesteckt.

Normalerweise bin ich skeptisch mit solchen Etikettierungen. Dahinter steckt meist ein Kalkül, welches solche Romane vorhersehbar und uninteressant macht. In diesem Fall habe ich ein Auge zugedrückt, weil ich wusste, so ein bisschen leichte Frauenpower und ein paar Worte, die mir aus der Seele sprechen, würden mir ganz gut tun.

Und so war es auch. Wer braucht schon Schlaf? (2014) von der Französin Marlène Schiappa gehört definitiv in die Kategorie Chick Lit. Doch das im besten Sinne. Der Roman bedient bewusst die gängigen Klischees, setzt immer noch eine Schippe drauf, um die Gagdichte zu erhöhen. Macht sich aber auch einen Spaß daraus, die Erwartungen des Lesers zu untergraben und im schrillsten Ton Themen wie Feminismus und Mutterschaft zu verhandeln. Kurzum: Ich fühlte mich verstanden, gut unterhalten und meinerseits wie eine Romanheldin, so zwischen Narbenschmerzen und Milcheinschuss. Weiterlesen „Marlène Schiappa: Wer braucht schon Schlaf?“

Gute Urlaubslektüre? Gelesen im Sommer

In den letzten Wochen wurde ich häufiger gefragt, ob ich ein gutes Buch für den Urlaub empfehlen könne. Ich empfahl Bücher, die mir zuletzt gut gefallen hatten und bekam zu hören: Die seien zu ernst oder zu nah dran am eigenen Leben. Auf die Frage, was denn nun gute Urlaubslektüre ausmache, habe ich keine zufriedenstellende Antwort bekommen.

Sollte es etwas möglichst Simples und Vorhersehbares sein (siehe Charlotte Link und Co.), um die grauen Zellen wenigstens im Urlaub zu schonen? Sollten es Bücher aus dem jeweiligen Urlaubsland sein, die das Urlaubsfeeling thematisch noch unterstreichen oder andersherum: genau das Gegenteil, um einem Lagerkoller vorzubeugen? Wann wenn nicht im Müßiggang der Ferienzeit sollte man genau die Bücher lesen, nach denen einem gerade der Sinn steht?

Ich widme mich diesen Fragen mit einem Blick auf meine eigene Sommerlektüre. Ich wurde in den Bann gezogen von Emma Clines The Girls, habe gelacht bei Marc-Uwe Klings Qualityland und geweint bei Anthony Doerrs Kurzgeschichtensammlung Die Tiefe.

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Anna Galkina: Das neue Leben

Buchcover: Das neue Leben von Anna Galkina
(c) Frankfurter Verlagsanstalt

Anna Galkina hat ein Buch geschrieben, das stellvertretend für die Erfahrungen sehr vieler Aussiedler und Migranten stehen könnte, die Anfang der 90er Jahre aus der zerfallenen Sowjetunion nach Deutschland kamen. Vom Abschied, Auffanglagern und Notunterkünften, von Vorurteilen und unerfüllten Träumen handelt Das neue Leben (2017), aber auch von der Hoffnung, vom zarten Zauber des Neuanfangs und nicht zuletzt von der ganz persönlichen Geschichte einer jungen Frau. Der heimatlosen Ich-Erzählerin Nastja, die der Leser schon aus Galkinas Erstlingswerk Das kalte Licht der fernen Sterne kennt und die auch hier wieder kein Blatt vor den Mund nimmt.

Ich gebe zu, ich war kritisch mit Galkinas erstem Roman. Doch ab sofort bezeichne ich mich gerne als ihr Fan. Das neue Leben hat mich getroffen. Und das obwohl oder gerade weil es weniger sprachgewaltig ist als ihr Debut. War mir die Gegenüberstellung von Zartheit und Brutalität hier zu radikal, konnte ich mich in ihrem zweiten Roman schon besser darauf einlassen. Denn Humor und Realität wirken hier nicht künstlich nebeneinander gestellt, sondern erscheinen viel mehr als zwei natürliche Seiten einer Medaille.

Und so habe ich gelacht, geweint und Nastjas Erfahrungen immer wieder mit meinen eigenen (leicht verklärten Kindheitserinnerungen an die ersten Monate in Deutschland) abgeglichen.

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Bov Bjerg: Auerhaus

Buchcover: Auerhaus von Bov Bjerg
(c) Aufbau Verlag

Our house / in the middle of the street… – Bov Bjergs Roman Auerhaus (2015) klingt auf den ersten Blick nach Pop, nach Spaß, nach jugendlichem Leichtsinn. Schließlich geht es darin um sechs Freunde, die kurz vor dem Abitur zusammen in eine WG mitten auf dem Dorf ziehen und so für kurze Zeit zu spüren bekommen, was es heißt, frei zu sein. Auch die Sprache des jugendlichen Ich-Erzählers ist so schlicht und einfach, dass es manchmal weh tut (beinahe jeder Satz wird mit einem sinnlosen „egal“ oder „quasi“ relativiert).

Und doch: Auerhaus ist kein seichter Jugendroman. Bjergs Erzählstil nicht zu unterschätzen. Denn der jugendliche Leichtsinn, den diese WG für kurze Zeit erleben darf, ist nur ein flüchtiger Moment, der noch während er andauert von Abschiedsschmerz durchdrungen ist. Und Bjerg schafft es wie schon in seinem Debut Deadline (2008) seine Erzählung so zu komprimieren, dass bereits kleine Szenen ausreichen, um komplexe Charaktere zum Leben zu erwecken. Kurze Momente, die Bände sprechen, verpackt in einer erstaunlich knappen, punktgenauen Sprache, die selbst Themen wie Depression und Suizid so natürlich integriert, dass der Roman davon zu keiner Zeit beschwert wird.

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Zweifelhafte Buchgeschenke: Ellen Sandberg, Charlotte Link & Co.

Buchcover von Ellen Sandberg und Charlotte LinkJeder, der in seinem Familien- und Freundeskreis als passionierter Leser verschrien ist, kennt das: Buchgeschenke, die so gar nichts mit dem eigenen Geschmack zu tun haben. Mir geht es jedes Mal so, wenn mir mein Bruder mal wieder einen Charlotte-Link-Krimi untern Weihnachtsbaum legt. Ich bin kein großer Fan von Krimis und schon gar nicht von solchen, die an die 600 Seiten heiße Luft enthalten. (Wie ist es sonst zu erklären, dass Leute wie Charlotte Link solche Wälzer am Fließband produzieren können?)

Aber ich will nicht meckern. Mein Bruder liest selbst nicht und muss daher annehmen, dass das was im Buchladen oder an Autobahnraststätten auf den vorderen Plätzen steht, gut ist. Und manchmal, nur manchmal erweist sich ein solches Buch tatsächlich als spannend. So ergangen ist es mir im letzten Urlaub jedenfalls mit Ellen Sandbergs Die Vergessenen (2018). Leichte Kost, die sich an einem Tag weglesen lässt, als Gegenprogramm zur bedeutungsschweren Großliteratur (siehe Grass‘ Blechtrommel, die mich zuletzt so gequält hat). Wie gemacht für den faulen All-Inclusive-Urlauber, der einfach mal den Kopf ausschalten will. Andere Romane wie Links Die Entscheidung (2016) sind in ihrer Banalität so schwer zu ertragen, dass sie wahrscheinlich für immer halb gelesen auf meinem Nachttisch ausharren müssen. Weiterlesen „Zweifelhafte Buchgeschenke: Ellen Sandberg, Charlotte Link & Co.“

Günter Grass: Die Blechtrommel

Buchcover zu Günther Grass Die Blechtrommel
(c) dtv

Was habe ich mich gequält durch die 779 Seiten dieses nie enden wollenden, absurden Mammut-Romans. Nur um am Ende sagen zu können: Ich habe Die Blechtrommel (1959) gelesen. Hat es sich gelohnt? Das versuche ich gerade herauszufinden. Was ich daraus gelernt habe? Mir muss nicht alles gefallen. Nobelpreis für Literatur hin oder her. Denn tatsächlich ist Günter Grass‘ Blechtrommel alles andere als ein Lesegenuss. Schon allein deshalb, weil der Roman einen ziemlich ekligen Nachgeschmack hinterlässt.

Eklig im wahrsten Sinne des Wortes, denn Grass scheint wirklich einen Fetisch für den Ekel zu haben. Seitenlange Passagen über Aale in Pferdeköpfen, die Mutter, die sich mit Fisch zu Tode frisst, geteilte Waldmeister-Spucke als Liebesritual oder Nudelgerichte, die im immer selben Wasser gekocht und in verkrusteten, schmierigen Tellern serviert werden. Solche Details sind es, die Deutschlands großem Nachkriegsliteraten am meisten Spaß zu machen scheinen. Und ich habe nicht herausfinden können, was er damit bezwecken will.

Vielleicht möchte er damit beim Leser den gleichen Lebensekel erwecken, wie ihn seine Hauptfigur Oskar von Geburt an empfindet. Einen Ekel vor dem biedermeierlichen Leben in diesem katastrophalen Jahrhundert. Einen Ekel, der so groß ist, dass Oskar an seinem dritten Geburtstag beschließt, nicht mehr weiter zu wachsen und von nun an nur noch per Blechtrommel mit seiner Umwelt kommuniziert.

Die Blechtrommel ist Oskars Lebensbericht, ein über 30 Jahre umfassender Bericht, der nicht nur seine Familiengeschichte, sondern auch die deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichte und die Geschichte der Stadt Danzig mit einschließt. Ein großer Roman mit unerschöpflichem Interpretationspotenzial, wie für Germanistik-Seminare geschaffen. Muss man ihn deswegen mögen?

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