In den Gängen – zarte Romanze im Neonlicht des Großmarktes

Kinoplakat: In den Gängen
(c) Departures Film

Da musste ich erst wieder ins Kino gehen, um mich an die Magie des Films zu erinnern. Ich gebe zu, ich hatte sie in den letzten Monaten vergessen. Ins Kino zu gehen, sich einen ganzen Film von Anfang bis Ende anzusehen, ohne die Möglichkeit zu haben, ihn anzuhalten, ohne ihn in Häppchen einzuteilen, das bedeutet eben auch, sich einzulassen. Auf eine Welt, die vielleicht gerade so gar nichts mit der gegenwärtigen Stimmung zu tun hat, dafür aber neue Sichtweisen eröffnet, berührt, inspiriert, eine kleine Offenbarung bietet, die die eigene Welt für zwei Stunden auf den Kopf stellt.

Im Fall von In den Gängen (2018) ist diese Welt ein Großmarkt in der ostdeutschen Provinz, wo der wortkarge, introvertierte Ex-Knacki Christian (Franz Rogowski) versucht, sich durch einen Job in der Getränkeabteilung zu resozialisieren. Dabei findet er in Vorarbeiter Bruno (Peter Kurth) einen väterlichen Freund, (der die Wende nicht überwunden hat und ähnlich einsam ist wie er selbst) und in Marion aus der Süßwarenabteilung (Sandra Hüller aus Toni Erdmann) ein Sehnsuchtsobjekt, das seinem einsamen Dasein wieder Hoffnung gibt.

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Fatih Akin: Aus dem Nichts

Der Zweck heiligt die Mittel, könnte man im Fall von Fatih Akins Aus dem Nichts wohl sagen. Wie sonst ist es zu erklären, dass dieser, doch eher durchschnittliche Film in diesem Jahr den Golden Globe als bester ausländischer Film abgeräumt hat? Und das sage ich als absoluter Fan, der mit großen Erwartungen ins Kino ging. Verglichen mit Gegen die Wand (2004) oder Auf der anderen Seite (2007), die mich beide zerstört zurückgelassen haben, ist dieser Film aber eher ein laues Lüftchen als eine Wucht. Und das, obwohl er politisch so wichtig ist.

Diane Krugers Leistung will ich dabei gar nicht in Frage stellen. Sie ist unglaublich gut. Das Ende des Films ist radikal und der verstummte Kinosaal während des Abspanns zeugte von echter Beklemmung, die der Film zweifellos auslöst. Aber der beste Film von allen ausländischen Filmen? Da muss die Konkurrenz schon sehr schwach gewesen sein oder die Jury zu hingerissen von einem Hollywood-Gesicht, das ausnahmsweise mal auf Schminke verzichtet hat.

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Berlin Syndrom – Die Stadt frisst ihre Touris

Filmplakat von Berlin Syndrom
(c) MFA+

,,Frauen, reist bloß nicht allein“ oder ,,Augen auf beim One-Stand-Night“ –  so in etwa ließe sich die Botschaft von Berlin Syndrom (2017) banal auf den Punkt bringen. In dem Psychothriller von Cate Shortland gerät die australische Backpackerin Clare (Teresa Palmer), die in Berlin das Abenteuer sucht, an den denkbar schlechtesten Mann für eine Nacht; Soziopath Andi (Max Riemelt) lässt sie am Morgen danach einfach nicht gehen. Während Clare zunächst noch alles daran setzt, aus der Isolationshaft seiner Wohnung zu entkommen, muss sie sich nach und nach mit ihrem Peiniger arrangieren und entwickelt in Momenten der Schwäche fast schon so etwas wie Mitgefühl.

Stockholm-Syndrom nennt sich das Phänomen, wenn Opfer Zuneigung zu ihren Entführern entwickeln –  benannt nach einem Kriminalfall in der schwedischen Hauptstadt, bei dem die Geiseln sich nach mehrtägiger Geiselhaft mehr zu den Tätern als zu ihren Rettern hingezogen fühlten. Doch auch wenn der Filmtitel ein solches Verhältnis andeuten will, trifft es hier nur sehr entfernt zu. Als alle Ausbruchsversuche scheitern, versucht Clare weniger aus Sympathie als aus purem Überlebenswillen, sich mit Andi ,,gutzustellen“. Umso interessanter erscheint da der Filmtitel. Warum Berlin Syndrom? Was ist das berlinspezifische an dieser Geschichte, wo so etwas doch überall auf der Welt passieren könnte?

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Toni Erdmann – Ein Film zum Fremdschämen

Filmposter Poster Toni Erdmann
copyright by komplizen film

Sich fremdzuschämen ist normalerweise eher unangenehm. Nicht so bei Toni Erdmann (2016). Dieser ziemlich ungewöhnliche deutsche Film von Maren Ade, der heute Nacht einen Golden Globe gewinnen könnte, nutzt dieses Gefühl als treibende Kraft für allerlei Komisches und Tragisches. Am Ende dieses 162 Minuten langen, aber sehr kurzweiligen Films habe ich viel gelacht und war gerührt von einer Vater-Tochter-Geschichte, die trotz aller Skurrilitäten sehr bodenständig ans Herz geht und viele Facetten unserer globalisierten Welt streift.

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