Hermann Hesse: Stufen

Wiese auf dem Tempelhofer Feld.

Es ist Sommer. Der Blog ruht. Die Fiktion muss hinter dem Leben zurückstehen, was sich gut anfühlt, aber auch nicht heißt, dass sich für die aktuelle Stimmung nicht ein paar lyrische Worte finden ließen.  Ich habe letztens wieder dieses Gedicht gelesen und eine Gänsehaut bekommen, weil es auf mich wie die Antwort auf so viele Fragen wirkt. In diesem Sinne, euch noch einen schönen Sommer!

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise,
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse, 1941)

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Tom Schilling & The Jazz Kids

tom_schilling_the_jazz-kidsIst Tom Schilling nun ein Schauspieler, der einen Musiker spielt oder ein verkappter Musiker, der nur zufällig Schauspieler geworden ist? Diese Frage konnte man sich gestern Abend im Berliner Columbia Theater beantworten, wo Tom Schilling zusammen mit den Jazz Kids auftrat. Der Schauspieler und die Band, die auch für den wunderbaren Soundtrack von Oh Boy verantwortlich ist, lernten sich bei den Arbeiten zu eben diesem Film kennen und veröffentlichten vor kurzem ihr erstes gemeinsames Album, Vilnius.

Ich mochte Oh Boy (2012) sehr und habe nicht erst seit diesem Film eine kleine Schwäche für Tom Schilling. Mit 15 sah ich Crazy (2000), später verliebte ich mich in Leander Haußmanns Robert Zimmerman wundert sich über die Liebe (2008), eine skurrile Romanze, die ihren Zauber auch der musikalischen Untermalung von Element of Crime zu verdanken hat. Melancholisch und irgendwie skurril – das fällt mir aufgrund seiner Filme zu Tom Schilling ein und so war ich neugierig, ob ich das auch in seiner Musik wiederfinden würde.
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Reiselektüre: Westküste (USA)

Meinen Frust über den ausgebliebenen Frühling kompensiere ich mit dem Schwelgen in Urlaubserinnerungen. Der Kälte müde und des grauen Himmels überdrüssig, zehre ich in Gedanken von der Sonne Kaliforniens, von dem Licht Nevadas und den endlosblauen Himmeln Utahs und Arizonas.

Dabei sind meine Erinnerungen auch immer mit den wunderbaren Büchern verknüpft, die ich unterwegs gelesen habe und die wie geschaffen dafür sind, ein Gefühl für „das Land der Freiheit“ und den Westen im Besonderen zu bekommen. Weiterlesen „Reiselektüre: Westküste (USA)“

#Kinder: Liebe, lebenslänglich

Ab einem gewissen Alter ist das Kinderthema allgegenwärtig. Kaum ein Treffen mit Freundinnen, bei dem nicht darüber diskutiert wird, ob, wie und wann ein Kind in das eigene Leben passt. Für diejenigen, die noch kinderlos sind, ist es eine lebensverändernde Entscheidung, die wie ein Damoklesschwert über ihren Dreißigern hängt. Diejenigen, die den Sprung schon gewagt haben – da befinde ich mich in meinem Freundeskreis leider noch in der Minderheit – trauern auf der anderen Seite ein bisschen der verlorenen Flexibilität und den durchgefeierten oder zumindest durchgeschlafenen Nächten hinterher. Zwei Seiten, die einander bewundernd gegenüberstehen und doch nicht miteinander tauschen wollen. Denn eigentlich ist unser Problem nicht die Kinderfrage an sich, sondern vielmehr der größenwahnsinnige Wunsch, einfach alles auf einmal haben zu wollen. Nicht entweder oder, sondern das ganze Paket.

Liebe_lebenslänglich

Unter diesem Eindruck habe ich am vergangenen Osterwochenende, an dem der Wunsch nach Perfektion einmal mehr mit der virenverseuchten Wirklichkeit kollidierte, in Ursula von Arx‘ Liebe, lebenslänglich (2013) reingelesen. In 14 biografischen Porträts erzählen hier Eltern und Kinder, jeweils aus ihrer Sicht, von ihrer Beziehung zueinander und schildern, wie diese sie geprägt und beeinflusst hat. Da ist zum Beispiel eine Tochter, die auf die antiautoritäre Erziehung der Mutter mit Strenge reagiert, ein Sohn, der seine Mutter mit Missachtung straft, weil sie ihn zu ihrem einzigen Lebensinhalt machte, eine Mutter, die nicht fähig ist, ihre Tochter zu lieben oder das Kind einer vierköpfigen Lebensgemeinschaft, das sich schon im frühen Alter hin- und hergerissen fühlt.
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Urlaubslektüre: Portugal

Es waren einmal ein Amerikaner und seine Frau. Er war Arzt, sie Büchernärrin. Eines Tages machten sie Urlaub in der Algarve und verliebten sich in das portugiesische Hafenstädtchen Tavira. Prompt kauften sie sich hier ein altes, steinernes Bauernhaus auf einem Hügel, von dem sie jeden Tag auf die Orangenbäume ins Tal hinabblicken konnten. 20 Jahre lebten sie hier zusammen mit ihren Kindern. Sie eröffnete einen Buchladen, er pendelte alle zwei Wochen in die Staaten, um seinen Beruf auszuüben. Irgendwann hatten sie genug. Heute leben sie wieder in den USA und sind geschieden. Wäre diese Geschichte nicht passiert, hätten wir unsere Winterferien vermutlich nicht in diesem schönen Haus verbracht, das noch ganz voll ist von dieser Familiengeschichte – und einer Unmenge an Büchern.

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Goodbye, Barry!

barry-netflixDie Tage von Obamas Präsidentschaft sind gezählt und angesichts seines Nachfolgers stellt sich bei mir schon jetzt eine große Wehmut ein. Dieses Gefühl hat mich wohl dazu bewogen, mir Barry (2016) anzusehen. Ein von Netflix produziertes Biopic, das Obamas Studienzeit in New York zum Thema hat.

Obama als Dichter und Denker

New York City, 1981. Barack Obama (Devon Terrell), von allen nur Barry genannt, ist ein verträumter Student, der seine Zeit mit Schreiben, Lesen und Basketballspielen zubringt und auch gerne mal einen Joint durchzieht. Noch weit entfernt von einer politischen Karriere, philosophiert er schon jetzt leidenschaftlich über demokratische Werte und die soziale Verantwortung des Staates.

Privat hadert der zukünftige Präsident damit, seinen Vater nie richtig kennengelernt zu haben. Als Sohn eines Kenianers und einer Weißen kommt zudem die Identitätsproblematik hinzu. Weder zu den Schwarzen noch zu den Weißen fühlt der junge Obama sich wirklich zugehörig. Der Film spielt diesen Identitätskonflikt sehr eindringlich an Obamas Beziehung mit einer weißen Mitstudentin durch. Barrys Suche „nach dem richtigen Weg“ ist am Ende des Films noch lange nicht abgeschlossen, aber sie endet versöhnlich. Er erkennt, dass es ein amerikanisches Privileg ist, sich nicht für eine Seite seiner Identität entscheiden zu müssen. Weiterlesen „Goodbye, Barry!“

Über die Besinnlichkeit: Gesehen im Dezember

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Quelle: fanpop.com

Weihnachten ist vorbei und damit auch die Zeit im Jahr, die explizit für Familie und „Besinnlichkeit“ reserviert ist. 3 Tage, in die all das passen soll, wofür im restlichen Jahr kaum Zeit bleibt. Warum eigentlich, fragte ich mich, nachdem wir in einem Besuchermarathon all unsere Verwandtschaft abgeklappert hatten, verteilen wir solche Familientreffen nicht besser auf das ganze Jahr? Und warum eigentlich können wir nicht das ganze Jahr über einfach mal besinnlich sein?

Besinnlichkeit ist eine stimmungsvolle Zeit, in der Menschen zum Nachdenken und Innehalten kommen.

So sagt es das Lexikon und schlägt Synonyme wie Gelassenheit, Ausgeglichenheit, Bedachtsamkeit, Muße und sogar Coolness vor. Leitlinien, an denen man sich durchaus mal orientieren kann, wie ich finde. Und so habe ich den ganzen Monat lang versucht, Besinnlichkeit zu üben, was mal mehr und mal weniger gut geklappt hat (klammerndes Kleinkind und wiederkehrende grippale Infekte können der Besinnlichkeit schon mal einen Abbruch tun).

Hauptsächlich ging es mir dabei darum, mal eine Pause vom ständigen Müssen zu machen, das sich mittlerweile auch in den Freizeitbereich eingeschlichen hat. Das Bloggen hier macht mir großen Spaß und ich wundere mich, dass ich nicht schon viel früher damit angefangen habe, aber auch das ist mit einem gewissen Ehrgeiz verbunden. Hat man ein gutes Buch gelesen oder einen guten Film gesehen, glaubt man der Vollständigkeit halber darüber schreiben zu müssen. Ähnlich verhält es sich mit Netflix und anderen Streamingdiensten – eine Bereicherung ohne Frage – aber auch ein großer Zeitfresser (wie oft klickt man sich durch das riesige Angebot, ohne am Ende tatsächlich etwas zu gucken?). Von Facebook & Co. ganz zu schweigen. Ich habe mir letzen Monat also vorgenommen, mich von den Technologien in meinem Leben nicht mehr unter Druck setzen zu lassen. Back to the roots – in meinem Fall zu den Büchern oder wenn zu Film und Serien, dann doch erstmal zu heißgeliebten Wiederholungen. Mehr Wertschätzung und weniger Masse. Schließlich sind es die Filme und Serien, die wir immer wieder gerne sehen, die uns am meisten geben. Weiterlesen „Über die Besinnlichkeit: Gesehen im Dezember“