Tuesday Nights in 1980 / Meister und Margarita: Literatur oder Unterhaltung…

Literatur oder Unterhaltung? Diese Frage führt selten zu einer zufriedenstellenden Antwort und sollte eigentlich gar nicht erst gestellt werden. Doch manchmal drängt sich der Vergleich einfach auf. So wie neulich, als mich in der Bibliothek meines Vertrauens ein Roman aus der Unterhaltungsabteilung anlachte: Tuesday Nights in 1980 von Molly Prentiss, ein Debüt das 2016 erschien. Um die New Yorker Kunstszene der 80er Jahre sollte es hier gehen, um eine Stadt im Umbruch, um ein Beziehungsgeflecht zwischen unterschiedlichsten Menschen, mit Bezug zur Militärdiktatur in Argentinien. Wie kann es sein, dass ein Roman mit solch bedeutungsschwangeren Themen nicht in der ,,Amerikansichen Literatur“ sondern hier in der ,,Unterhaltung“ neben Ildiko von Kürthy und Co. zu finden ist, dachte ich. Wer entscheidet überhaupt, welches Buch wo zu stehen hat?

Nun, nachdem ich Tuesday Nights in 1980 gelesen habe, wird mir der Unterschied zwischen Literatur und Unterhaltung ein weiteres Mal bewusst. Nicht die Relevanz und Bedeutungsschwere eines Themas entscheiden darüber, ob ein Autor Literatur schafft, sondern die darin enthaltene Aussage. Irgendeine Art von Erkenntnis, die Eindruck hinterlässt. Nichts davon ist bei Molly Prentiss zu finden. Wiederum andere Romane, die zur Weltliteratur zählen, wie etwa Bulgakows Meister und Margarita kränkeln daran, dass sie einfach zu sehr mit Aussage aufgeladen sind. Weiterlesen „Tuesday Nights in 1980 / Meister und Margarita: Literatur oder Unterhaltung…“

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Alina Bronsky_Baba Dunjas letzte Liebe
(c) Kiwi-Verlag

Einst lebten 14.000 Menschen im Einzugsbereich des Tschernobyl-Reaktors. Heute sind es 700. Verlorene Menschen, die sich ihre Heimat von der Katastrophe nicht rauben lassen wollten und nach der Evakuierung in ihre Dörfer zurückkehrten. Eine von ihnen ist die fiktive Baba Dunja, die Hauptprotagonistin in Alina Bronskys kleinem, aber sehr feinem Roman Baba Dunjas letzte Liebe (2015). Die ,,winzige, kugelrunde Frau mit dem runzligen Gesicht“ findet in der verlassenen ,,Todeszone“ das erste Mal in ihrem Leben so etwas wie Freiheit.

Die wenigen Nachbardörfer sind verlassen. Die Häuser stehen da, aber die Wände sind schief und dünn, und die Brennnesseln ragen bis unters Dach. Es gibt nicht einmal Ratten, weil Ratten Müll brauchen, frischen, fetten Müll. Ratten brauchen Menschen.
Ich hätte mir jedes Haus in Tschernowo aussuchen können, als ich zurückkehrte. Ich nahm mein altes.

Was sich fast schon postapokalyptisch anhört, erweist sich erstaunlicherweise schnell als idyllisch. Aus der einfachen, klugen und humorvollen Perspektive einer alten Frau bekommt der Leser Einblick in den Alltag einer kleinen Dorfgemeinschaft, die auf den Rest der Welt sonderbar und verrückt wirken mag, die aber ausgerechnet hier, in der verlassenden ,,Todeszone“, ihren Frieden gefunden hat. Weiterlesen „Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe“

F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby

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(c) Suhrkamp / Insel

Gatsby glaubte an das grüne Licht, an die orgastische Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Auch damals entzog sie sich uns, aber darauf kommt es nicht an – morgen laufen wir schneller und strecken die Arme weiter aus…Und eines schönen Morgens…

So stemmen wir uns voran, in Booten gegen den Strom, und werden doch immer wieder zurückgeworfen ins Vergangene. (F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby)

Was für ein phänomenaler letzter Satz für einen Roman. Sätze wie diese, von einer so poetischen Wucht, machen es unmöglich, F. Scott Fitzgerald nicht zu mögen. Auch wenn er als Schriftstellerpersönlichkeit auf mich eher unsympathisch wirkt, zumindest aus feministischer Perspektive. Genau wie Hemingway repräsentiert auch er diesen arrogant zur Schau getragenen männlichen Egozentrismus, neben dem es die Frau nur als labiles Ding, hübsches Beiwerk oder Sehnsuchtsobjekt eines Mannes geben kann.

Das ist auch schon der einzige Kritikpunkt, den ich an diesem ansonsten großen Roman habe. Denn zum Glück ist das nur eine von vielen Ebenen, die Der grosse Gatsby (1925) aufmacht. Im Zentrum dieser vermeintlichen Liebesgeschichte im New York der Roaring Twenties steht nicht so sehr die Beziehung Gatsbys zu seiner angebeteten Daisy, sondern vielmehr das verzweifelte Streben eines Mannes danach, einem Ideal zu entsprechen, das nicht existiert. Das grüne Licht als Symbol all dessen, was unerreichbar bleibt, so sehr man auch danach greift. Weil man mit Geld nicht ändern kann, wer man ist, weil man die Vergangenheit nicht ändern kann. Und weil das, wonach man strebt, nur eine verkommene Illusion ist. Eine unerhörte Absage an den American Dream, laut dem doch angeblich alles möglich ist. Weiterlesen „F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby“

4 Blocks – Neukölln, deine Gangster(Serie)

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Wenn eine Serie direkt vor der eigenen Haustür spielt und einem dazu noch Einblicke in ein fremdes, zwielichtiges Milieu gewährt, ist das schon mal sehr spannend. Aber dieses mein zugegebenermaßen leicht voyeurostisches Interesse ist nicht allein der Grund dafür, dass die TNT-Serie 4 Blocks so sehenswert ist.

Beeindruckend ist vielmehr, dass eine deutsche Serie sich endlich mal ein bisschen mehr traut als das standardisierte Tatort-Geplänkel. Sich an aktuelle, gesellschaftliche Probleme heranwagt und dabei trotzdem die Unterhaltung nicht aus den Augen verliert. Nicht die Art von Unterhaltung, bei der ständig etwas in die Luft fliegt und Til Schweiger sich in Zeitlupe selbst feiert, sondern vielmehr eine Inszenierung, die den Vergleich mit amerikanischen Qualitätsformaten nicht scheut

Ein bisschen Sopranos, ein bisschen The Wire, hier und da eine Spur The Departed – ganz klar, bedient sich 4 Blocks mit Frederick Lau und Kida Khodr Ramadan in den Hauptrollen bei großen Vorbildern. Aber die Inszenierung des arabisch geprägten Neuköllns als Ort des organisierten Verbrechens, mit seinen Widersprüchlichkeiten und Problemen – die ist originell und wird dem lokalen Thema gerecht. Wozu lange in der Trickkiste wühlen, wenn die Realität auf der Straße doch so viele Geschichten zu bieten hat. Unglaublich, dass da nicht schon früher einer drauf gekommen ist. Und so fliegt die Kamera, begleitet von düsteren Haftbefehl-Beats, über die Dächer Neuköllns hinweg und zieht den Zuschauer mitten hinein in dieses zwiespältige Viertel mit seinen Möchte-gern-Gangstern zwischen Sportwetten-, Baklava- und Hipster-Schuppen. Weiterlesen „4 Blocks – Neukölln, deine Gangster(Serie)“

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz

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(c) Kiepenheuer & Witsch

Was für ein Buch! Da erwartet man ein paar witzige, ironisch gebrochene Geschichten aus dem Unterhaltungsbetrieb in alter Stuckrad-Barre Manier und bekommt nichts weniger als eine Lebensbeichte. Die schonungslos ehrliche Autobiografie des deutschen Popliteraten par excellence, in der er die ironische Attitüde ablegt und uns sein Herz zu Füßen legt. Ein Herz, das vor allem für einen schlägt: Udo Lindenberg!

Mit Panikherz (2016) ist Benjamin von Stuckrad-Barre ein einzigartiges Buch gelungen: eines, in dem sein eigenes Leben sich wie ein spannender Roman liest, eines, in dem nicht nur die Abgründe einer Selbstzerstörung und der Versuch einer Selbstbesinnung reflektiert werden, sondern immer auch der Einfluss der Popkultur und ihrer Helden. Es ist die Geschichte einer lebenslangen Fanliebe, die mal mehr und mal weniger leitet, aber immer Halt gibt.

Seit Monaten versunken in meine Beschäftigung mit der Vergangenheit und ihrer Nachwirkung auf die Gegenwart, meiner schon wieder völlig ausufernden RECHERCHE DU TEMPS PERDU über die Bedeutung von Musik für die eigene Biographie, über das Älterwerden mit der Musik und die unausweichliche Frage, was schlechter altert, man selbst oder die mit der eigenen Jugend verbundene Musik – und bin also: ein Mann der Vergangenheit. Und habe nichts im Kopf als alte Udo-Lieder. (B. v. Stuckrad-Barre: Panikherz)

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Birgit Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin

Birgit Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin
(c) Piper

Meine beste Idee hatte ich mit sieben, weil ich um die Zeit unbedingt mit jemandem reden musste, und als mir einfiel, wie ich das hinkriegen könnte, hatte ich gleich das Gefühl, dass es eine richtig gute Idee war, aber wie gut sie wirklich war, ist mir erst sehr viel später aufgegangen. Genau genommen passierte es an meinem siebten Geburtstag.
Wir standen in unserer Dreizimmerwohnung im Land der Verheißung, und es war klar, dass ich zum Geburtstag wieder keine Katze bekommen würde. (Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin)

Die Welt mit Kinderaugen betrachtet ist ein fantastischer Ort, mag die Realität noch so grausam sein. Das suggeriert uns Birgit Vanderbekes aktuellster Roman Ich freue mich, dass ich geboren bin (2016). Ein netter Gedanke, der leider nicht so recht fruchten will.

Es scheint als würden alle Geschichten Vanderbekes auf ein Ereignis zurückgehen: die Flucht ihrer eigenen Familie aus der DDR. Dabei ist es nicht so sehr die Flucht an sich, die die Autorin nicht loslässt, sondern vielmehr das desillusionierende Ankommen im bigotten Westdeutschland der 60er Jahre. Wo die Familie kein sicherer Hafen, sondern nur noch ein Deckmantel für alltägliche Grausamkeiten ist.

Die Demontage der deutschen Familie, die in Vanderbekes Erzählungen Das Muschelessen (1990) und Friedliche Zeiten (1996) noch so gut funktioniert, wirkt in Ich freue mich, dass ich geboren bin fehl am Platz. Denn was hier passiert, hat mit Migration und Familie nur am Rande zu tun. Hier geht es um eine Fluchtgeschichte der ganz anderen Art: die Flucht eines hilflosen Kindes aus seiner freudlosen Realität. Weiterlesen „Birgit Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin“

3 Reasons Why: Tote Mädchen lügen nicht

I don’t know what I’m supposed to do, haunted by the ghost of you. (The Night We Met, Lord Huron)

Balsam für das Indie-Herz. So könnte man den Soundtrack der bisher am meisten betwitterten Netflix-Serie 13 Reasons Why (dt.: Tote Mädchen lügen nicht) beschreiben. Und so bin ich ganz froh, dass ich meine Skepsis gegenüber diesem stark gehypten, von Selena Gomez produzierten Teen-Drama doch noch überwunden habe. Andernfalls wäre ich jetzt um eine wunderbare Playlist ärmer. Oberflächlich und taktlos angesichts der ernsten Themen, die in der Serie verhandelt werden? Keineswegs, denn erstens handelt es sich dabei immer noch um fiktives, effekthaschendes Unterhaltungsfernsehen, das man nicht überbewerten sollte und zweitens ist die Serie im Kern doch lebensbejahend, was in der Musik noch am besten zum Ausdruck kommt. Und damit bin ich auch schon bei dem ersten von drei Gründen, aus denen sich die Serie durchaus lohnen kann. Weiterlesen „3 Reasons Why: Tote Mädchen lügen nicht“