Juli Zeh: Unterleuten

Unterleuten von Juli Zeh
(c) btb

Obwohl Unterleuten keine hundert Kilometer von Berlin entfernt lag, hätte es sich in sozialanthropologischer Hinsicht genauso gut auf der anderen Seite des Planeten befinden können. Unbemerkt von Politik, Presse und Wissenschaft existierte hier eine halb-anarchische, fast komplett auf sich gestellte Lebensform, eine Art vorstaatlicher Tauschgesellschaft, unfreiwillig subversiv, fernab vom Zugriff des Staates, vergessen, missachtet und deshalb auf seltsame Weise frei. (Juli Zeh: Unterleuten)

Unterleuten, das ist das 200-Seelen-Dorf in Brandenburg, um das es in Juli Zehs Roman geht. Hier treffen Zugezogene auf Alteingesessene, einfache Dörfler auf politisch korrekte Ex-Großstädter, Traditions- auf Fortschrittswillen. Als hier plötzlich auch noch Windräder errichtet werden sollen, wird die ohnehin schon gespaltene Dorfgemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Es scheint, als verdichteten sich in Unterleuten die gesellschaftlichen Konflikte unserer Zeit.

Das Jahr ist noch so jung und schon könnte es sein, dass ich mein Buch des Jahres gefunden haben. Juli Zehs Unterleuten (2016) hat mich so begeistert wie lange kein Roman mehr. Warum? Weil er klug und komplex ist und dabei auf keiner Seite an Spannung verliert. Weil er vor bitterbösem Sarkasmus strotzt und seinen Protagonisten dennoch liebevoll begegnet. Weil er es schafft, die Stimmung eines Landes und seiner Typen auf ein Dorf herunterzubrechen. Ein großer Gesellschaftsroman, keine Frage, und zugleich ein „Thriller unserer Zeit“, wie ausgerechnet Martin Schulz in der FAZ schreibt, wo er das Buch vor dem Wahlkampf als sein aktuelles Lieblingsbuch präsentierte. Davon sollte man sich jetzt aber nicht abschrecken lassen. Weiterlesen „Juli Zeh: Unterleuten“

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Ian McEwan: Am Strand // Kindeswohl

Am Strand von Ian McEwan gehört zu den Büchern, die man gerne mal in diesen Das-solltest-du-gelesen-haben-Listen findet. Und so stand der Autor von Abbitte (meine einzige Assoziation damit: Keira Knightley) schon seit einer Weile auf meiner Liste. Nach den zwei kurzen Romanen (Am Strand, Kindeswohl), mit denen ich mich ins neue Jahr gelesen habe, konnte ich mir ein Bild machen.

Ian McEwan ist ein expliziter Autor, der wenig der Assoziation oder Phantasie überlässt. Er schildert Situationen und Handlungen mit einem feinen Gespür für Details und liefert die kausalen, psychologischen Zusammenhänge gleich mit. Das macht seine Romane nicht gerade innovativ, aber auch nicht weniger ergreifend. Am Ende von Am Strand flossen die Tränen – und das in der überfüllten U8.

Sollte man dieses Buch oder diesen Autor deshalb unbedingt gelesen haben? Nun ja, in Mad Men habe ich mit Sicherheit mehr über die destruktive Prüderie der 60er Jahre gelernt. Nichtsdestotrotz, die dichte Atmosphäre einer Nacht, das Unausgesprochene zwischen zwei Menschen – in seiner Kürze ist Am Strand ein Meisterstück. Und auch Kindeswohl alles andere als Zeitverschwendung. Weiterlesen „Ian McEwan: Am Strand // Kindeswohl“

Jane Austen: Überredung / Anne Elliot

Jane Austen Überredung Reclam Buchcover
(c) Reclam

Zwei verschiedene Titel, ein und derselbe Roman. Wie ich peinlicherweise feststellen musste, nachdem ich auf der Suche nach der deutschen Ausgabe von Jane Austens Persuasion (1817) nicht nur Überredung, sondern auch Anne Elliot mit nach Hause brachte. Kannte ich schließlich beide noch nicht. Je mehr Jane Austen zu den Feiertagen, desto besser. Autsch. Böser Fauxpas. Auch wenn ich der Meinung bin, dass die Übersetzer zumindest was den Titel betrifft, einen Konsens finden sollten.

Hätte ich mehr Ahnung gehabt, hätte ich natürlich gewusst, dass es sich bei Überredung und Anne Elliot nur um ein und denselben Roman handeln kann. Denn Anne Elliot ist die Hauptprotagonistin von Persuasion (einigen wir uns mal darauf). Die Elisabeth, die Emma dieser Aschenputtel-Story. Mit dem Unterschied, dass Anne kein junges, stolzes Mädchen ist, sondern 27 Jahre alt. Und damit im alten England schon auf dem Abstellgleis, eine alte Jungfer, deren Schönheit bereits verwelkt ist, wie es hier so nüchtern heißt. Letzte Chance für Anne also, die Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen und ihrer lieblosen Familie durch eine Heirat den Rücken zu kehren – dem selbstverliebten Vater, der die adlige Familie mit seiner Verschwendungssucht in den Ruin treibt und den zwei hochnäsigen Schwestern, die Anne wie eine Hausangestellte behandeln. Weiterlesen „Jane Austen: Überredung / Anne Elliot“

Fatih Akin: Aus dem Nichts

Der Zweck heiligt die Mittel, könnte man im Fall von Fatih Akins Aus dem Nichts wohl sagen. Wie sonst ist es zu erklären, dass dieser, doch eher durchschnittliche Film in diesem Jahr den Golden Globe als bester ausländischer Film abgeräumt hat? Und das sage ich als absoluter Fan, der mit großen Erwartungen ins Kino ging. Verglichen mit Gegen die Wand (2004) oder Auf der anderen Seite (2007), die mich beide zerstört zurückgelassen haben, ist dieser Film aber eher ein laues Lüftchen als eine Wucht. Und das, obwohl er politisch so wichtig ist.

Diane Krugers Leistung will ich dabei gar nicht in Frage stellen. Sie ist unglaublich gut. Das Ende des Films ist radikal und der verstummte Kinosaal während des Abspanns zeugte von echter Beklemmung, die der Film zweifellos auslöst. Aber der beste Film von allen ausländischen Filmen? Da muss die Konkurrenz schon sehr schwach gewesen sein oder die Jury zu hingerissen von einem Hollywood-Gesicht, das ausnahmsweise mal auf Schminke verzichtet hat.

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Feiertagsbingewahn: Downton Abbey // This is Us

Es gibt Serien, die schleift man so mit. Serien, die zu schade sind, um sie aufzugeben. Bei denen der Funke aber einfach nicht überspringen will oder schnell erloschen ist. Downton Abbey und This is Us waren für mich im letzten Jahr solche Serien. Zwischen den Festlichkeiten begab es sich aber zufällig, dass ich einen ganzen Tag lang einfach mal dem Nichtstun frönen konnte. Allein mit einem Fernseher und einem Streamingdienst habe ich die Gelegenheit genutzt, um damit abzuschließen. Und siehe da, in dieser seltsamen Zeit zwischen den Jahren brannte das Feuer wieder lichterloh.

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Claus Stephani: Blumenkind

 

Buchcover Claus Stephani Blumenkind
(c) SchirmerGraf Verlag

Eine schöne junge Frau ohne Mann gehört niemandem, und dann manchmal auch allen. Das ist ihr Schicksal. Sie ist wie ein Blatt am Weg. Jeder Windstoß kann es fortblasen, jeder Mensch, der vorbeikommt, kann drauftreten. (Claus Stephani: Blumenkind)

Was das bedeutet, erfährt die junge Jüdin Beila in den 1930er Jahren in ihrem rumänischen Dorf am eigenen Leibe. Als ihr Ehemann den ,,Wölfen“ zum Opfer fällt und die Männer anfangen, nachts an ihre Tür zu klopfen, ist sie gezwungen, fortzugehen.

In einer Zeit, in der schon das Jüdischsein an sich das Leben gefährdet, gerät Beilas Weggang aus dem Dorf zu einer jahrelangen Flucht, die sie und ihre aus einer Affäre hervorgegangene Tochter Maria  – ein Blumenkind, wie man uneheliche Kinder in Rumänien nennt – bis in die östlichen Karpaten und schließlich in das abseitige Marmatien führt, eine Gegend in der Deutsche (Siebenbürger Sachsen), Juden und Rumänen Seite an Seite leben bis die Entwicklungen in Hitler-Deutschland das ländliche Idyll zunichte machen. Hier findet Beila ihre letzte Ruhe und hier forscht ihre Tochter 20 Jahre später, im sozialistischen Rumänien nach deren Verbleib. Wobei sie, das Blumenkind, sich in ein anderes Blumenkind verliebt – ohne zu wissen, dass sie mit diesem verwandt ist. Weiterlesen „Claus Stephani: Blumenkind“

Netflix: DARK – Zeitreisen made in Germany

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(c) Netflix

Das düstere Gemälde eines ungewöhnlichen Ortes. Ein Puzzle, das sich aus drei Generationen vierer Familien zusammensetzt, deren Vergangenheit von der Zukunft abhängt. Das ist Dark, die erste deutsche Netflix-Serie, die ein bisschen an eine düstere Version von Zurück in die Zukunft erinnert, ein bisschen an Stranger Things  und auch irgendwie an einen sehr verrückten Mystery-Tatort, nicht zuletzt weil Berlin-Kommissar Mark Waschke mit von der Partie ist. Und was soll ich sagen, als Fan von Zeitreise-Filmen war sofort angefixt und fand die Serie schlicht genial. Natürlich geht es beim Thema Zeitreisen nicht ohne Logiklöcher zu und die Protagonisten stehen manchmal ein bisschen zu doll auf dem Schlauch, aber darüber kann man bei dieser starken Atmosphäre, dem fantastischen Sound und der großartigen Besetzung schon mal hinwegsehen. Weiterlesen „Netflix: DARK – Zeitreisen made in Germany“