Michael Chabon: Telegraph Avenue – wie ein Tarantino Film

Wenn man beginnt das Buch eines Pulitzer-Preisträgers zu lesen, einen ,,Roman zum Niederknien“, einen ,,der sich in die großen Werke der amerikanischen Gegenwartsliteratur einreiht“(so der Verlag) und laut Kritikern das beste ist, was Literatur zu bieten hat (Stand 2014), dann sind die Erwartungen groß. In meinem Fall zu groß. Denn ich habe zwar alle 668 Seiten gelesen, war am Ende aber froh, es hinter mich gebracht zu haben. Zu wenig Wesentliches wird auf zu vielen Seiten erzählt. Zu detailliert werden die banalsten Situationen beschrieben. Und zu lang sind die mit Nebensätzen vollgestopften Sätze, die sich manchmal über mehrere Seiten hinziehen.

Bei Telegraph Avenue geht es nicht eigentlich darum, eine Geschichte zu erzählen, sondern darum, ein buntes Zeitkolorit zu entwerfen und so ist das Buch voller Anspielungen und Verweise auf die schwarze Musikgeschichte, auf den Soul und Funk der 70er Jahre, auf trashige Kung-Fu Filme und vieles mehr, das heute als Retro und bei selbsternannten Nerds als hip gilt. Es ist wie ein Tarantino Film. Nur dass die Musik dazu selbstständig nachrecherchiert werden muss. Wer mit diesen popkulturellen Anspielungen wenig anfangen kann, so wie ich, den wird das Buch kaum fesseln. Für alle anderen mag es ein Volltreffer sein, denn es bietet reichlich kulturellen Gedankenstoff. Weiterlesen „Michael Chabon: Telegraph Avenue – wie ein Tarantino Film“

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Master of None – Generation Y wird erwachsen

Man kann über den Begriff der Generation Y streiten oder ihn für kompletten Blödsinn halten, ein Musterexemplar dieser Gattung erkennt man sofort. Der indischstämmige New Yorker Dev in der erfrischend entspannten Comedy-Serie Master of None ist so ein Musterexemplar. Ein Großstädter um die 30, mit einem Smartphone als erweitertes Körperteil und überdurchschnittlich viel Freizeit, die er mit seinen Freunden in Restaurants oder Bars verbringt – auf der Suche nach der großen Liebe und/oder einem anderen Lebenssinn.

Bereits in der allerersten Szene wird diese Digital Natives Spaßkultur auf die Spitze getrieben: Dev ist mit einer Frau im Bett und das Kondom platzt. Sofort holen beide ihre Smartphones raus, um zu googeln, ob eine Pille danach nötig ist. Anschließend bestellt Dev ein Uber, das sie drei Minuten später zur Apotheke bringt. Eine komfortable Situation und eine peinliche noch dazu, wenn man bedenkt, dass die beiden sich erst wenige Stunden vorher in einer Bar kennengelernt haben.

Und so zweischneidig ist es hier oft, das hippe Leben im digitalen Zeitalter. Dating-Apps machen das Daten noch komplizierter, Restaurant-Bewertungen im Internet führen dazu, dass so lange nach dem richtigen Laden gesucht wird, bis dieser geschlossen hat und Skype-Castings in Cafés können schon mal in Erregung öffentlichen Ärgernisses ausarten. Ganz abgesehen davon, dass es angesichts der vielen Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, unmöglich erscheint, sich auf einen Weg und einen Lebenspartner festzulegen, wie die Eltern oder Großeltern es noch getan haben. Weiterlesen „Master of None – Generation Y wird erwachsen“

Weltreisen im Kopf

Wenn die besten Freunde auf Weltreise gehen, lässt sich ein leichter Anflug von Fernweh nicht vermeiden. Was werden sie alles sehen und erleben, während man selbst im Alltag zurückbleibt? Um diese Frage zu beantworten, muss man aber nicht unbedingt selbst zum Backpacker werden. Es gibt haufenweise Reiseliteratur, in denen Weltreisende von ihren Erfahrungen berichten.

Also lehne ich mich zurück und begleite meine Freunde auf meine Weise; mit einem Buch in der Hand von der Couch aus. Dabei bin ich heimlich ganz froh, dass mir so die Strapazen des Reisens erspart bleiben. Keine versifften Unterkünfte, keine aufdringlichen Touristenfänger und auch nicht die obligatorische Magen-Darm-Verstimmung. Nur der Reiz des Neuen und Unbekannten.
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Thomas Glavinic: Wie man leben soll

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Mädchen, Musik und die Mühen des Erwachsenwerdens. Wie man leben soll (2004) von Thomas Glavinic ist ein herrliches Stück Popliteratur, das sich selbst nicht so ernst nimmt und damit das Genre humoristisch konterkariert. Einen richtigen Spannungsbogen gibt es nicht, vielmehr folgt eine Episode aus dem Leben des kauzigen Charlie der nächsten. Dabei ist der Roman, wie der Titel erahnen lässt, konsequent im Stil eines Ratgebers verfasst, und liefert so absurd-witzige Erkenntnisse aus dem Leben, dass man sich am Ende sicher ist: so soll man ganz bestimmt nicht leben.

Worum es geht

Der junge Österreicher Karl Kolostrum, kurz Charlie, ist stark übergewichtig und im Allgemeinen mit sich selbst und seinem Leben unzufrieden. Er bzw. man wäre gern ein Draufgänger, ein Rockstar, dem die Frauen zu Füßen liegen. Stattdessen ist man verunsichert, kriegt nur Mädchen ab, die ähnlich unattraktiv sind wie man selbst und muss in der Ratgeberliteratur über sich lesen, man sei ein ,,Sitzer“. Jemand der nie aufbegehrt, alles bloß hinnimmt und ja alles tut, um von jedermann gemocht zu werden. Weiterlesen „Thomas Glavinic: Wie man leben soll“

Eingedeckt: Bücher für den Herbstbeginn

Die letzten Sommertage genießen oder sich schon ein bisschen auf den Herbst freuen? Bei mir geht beides gleichzeitig. Und so bin ich gestern durch die Bibliothek gestreift und habe viele verheißungsvolle Romane mitgenommen, die so richtig Lust auf Lesen machen. Die nächsten Wochen verbringe ich mit:

Besonders auf den letzten Roman bin ich sehr gespannt, weil die Kritiker sich vor Begeisterung überschlagen. Zurecht? Wir werden sehen. Aber auch auf die Romane von Judith Hermann, Julia Franck, Thomas Hettche und Arno Geiger freue mich sehr, da ich zuletzt ganz wunderbare Bücher von ihnen gelesen habe, zum Beispiel dieses oder dieses hier. Maxim Biller ist bisher neu für mich und an Anna Galkins Roman interessiert mich das Thema (Jugend in den 80er Jahren der Sowjetunion) aus persönlichen Gründen.

Das wird ein guter Herbstanfang.

The Affair – Ehebruch multiperspektivisch

Wie entsteht eine Affäre? Welche Ursachen und Motive stecken dahinter und was passiert, wenn aus der Affäre eine Beziehung wird? Die Showtime-Serie The Affair greift diese und ähnliche Fragen sehr intelligent auf. Jede Folge ist unterteilt in zwei Parts: seine Perspektive und ihre. Beide erzählen mehr oder weniger die gleiche Geschichte, jeweils aus der eigenen Sicht. Dabei sind es die feinen Unterschiede und die klaffenden Lücken dazwischen, die The Affair so spannend machen.

Ich entdeckte die Serie letztes Jahr unter den Golden Globe Preisträgern und bin nicht zuletzt wegen der großartigen Besetzung (Dominic West, Joshua Jackson) sofort neugierig geworden. So sah ich die ersten zwei Folgen letzten Sommer, zufällig am Vorabend der Geburt meiner Tochter. Dadurch leicht abgelenkt, kam ich erst dieses Jahr dazu, sie weiterzuschauen und wurde nicht enttäuscht. Innerhalb weniger Tage hatte ich zwei Staffeln durch und freue mich schon jetzt auf die dritte. The Affair ist eine  literarische Serie, die nachhallt, mit jeder Folge besser wird und viele grundsätzliche Fragen des Lebens aufwirft. Weiterlesen „The Affair – Ehebruch multiperspektivisch“

Arno Geiger: Es geht uns gut – ein großer Familienroman

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Arno Geigers Es geht uns gut, 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, fiel mir letzten Monat in die Hände und war eine wahrlich intensive Entdeckung, denn ich konnte den Roman kaum weglegen. Dieses Buch ist wie eine Zeitreise: es beginnt in der Gegenwart und führt Kapitel um Kapitel zurück in vergangene Tage der einzelnen Familienmitglieder. Man wird regelrecht hineingesogen in diese melancholische Familiengeschichte, die drei Generationen und 70 Jahre des vergangenen Jahrhunderts umfasst.

 Worum es geht

Es ist April 2001 in der Wiener Vorstadt. Philipp Erlach, ein Schriftsteller in den Dreißigern, hat das Haus seiner Großmutter geerbt. Widerwillig findet er sich in der heruntergekommenen Villa ein, um den Nachlass zu ordnen. Dabei wird schnell klar: Philip hat kein Interesse. Nicht an dem Haus, nicht an den Dingen, die seine Großeltern ihm hinterlassen haben, und schon gar nicht an der eigenen Familiengeschichte. Es scheint, als führe er ein Leben in der Schwebe, ohne sich auf irgendetwas oder irgendwen festzulegen. Seine langjährige Affäre Johanna, eine verheiratete Meteorologin, die nur hin und wieder vorbeischaut, ist sein einziger menschlicher Kontakt. Zumindest bis die Schwarzarbeiter Steinwald und Atamanow auftauchen, um ihm bei der Entrümpelung des Hauses zu helfen. Die infantile, verzweifelte Art und Weise, mit der Philipp versucht, die Freundschaft der beiden zu gewinnen, zeigt umso mehr, wie einsam er ist. Weiterlesen „Arno Geiger: Es geht uns gut – ein großer Familienroman“