T.C. Boyle: Die Terranauten

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(c) Hanser Literaturverlage

4 Frauen, 4 Männer – 2 Jahre zusammen eingeschlossen in einem ,,Megaterrarium“ mit künstlich geschaffener Biosphäre und ein paar Tieren zwecks Nahrungserzeugung. Nichts rein, nichts raus lautet das felsenfeste Motto dieses wissenschaftlichen Experiments, das für das Leben auf dem Mars vorbereiten soll, in diesem Roman von T.C. Boyle jedoch eher wie ein Reality TV-Format daherkommt. Ganz bewusst, könnte man meinen, widmet er sich in Die Terranauten (2017) mehr den kleinkarierten, menschlichen Rivalitäten als den großen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Und doch fragt man sich irgendwann leider: Besteht der Roman eigentlich nur aus heißer Luft?
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Tuesday Nights in 1980 / Meister und Margarita: Literatur oder Unterhaltung…

Literatur oder Unterhaltung? Diese Frage führt selten zu einer zufriedenstellenden Antwort und sollte eigentlich gar nicht erst gestellt werden. Doch manchmal drängt sich der Vergleich einfach auf. So wie neulich, als mich in der Bibliothek meines Vertrauens ein Roman aus der Unterhaltungsabteilung anlachte: Tuesday Nights in 1980 von Molly Prentiss, ein Debüt das 2016 erschien. Um die New Yorker Kunstszene der 80er Jahre sollte es hier gehen, um eine Stadt im Umbruch, um ein Beziehungsgeflecht zwischen unterschiedlichsten Menschen, mit Bezug zur Militärdiktatur in Argentinien. Wie kann es sein, dass ein Roman mit solch bedeutungsschwangeren Themen nicht in der ,,Amerikansichen Literatur“ sondern hier in der ,,Unterhaltung“ neben Ildiko von Kürthy und Co. zu finden ist, dachte ich. Wer entscheidet überhaupt, welches Buch wo zu stehen hat?

Nun, nachdem ich Tuesday Nights in 1980 gelesen habe, wird mir der Unterschied zwischen Literatur und Unterhaltung ein weiteres Mal bewusst. Nicht die Relevanz und Bedeutungsschwere eines Themas entscheiden darüber, ob ein Autor Literatur schafft, sondern die darin enthaltene Aussage. Irgendeine Art von Erkenntnis, die Eindruck hinterlässt. Nichts davon ist bei Molly Prentiss zu finden. Wiederum andere Romane, die zur Weltliteratur zählen, wie etwa Bulgakows Meister und Margarita kränkeln daran, dass sie einfach zu sehr mit Aussage aufgeladen sind. Weiterlesen „Tuesday Nights in 1980 / Meister und Margarita: Literatur oder Unterhaltung…“

F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby

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(c) Suhrkamp / Insel

Gatsby glaubte an das grüne Licht, an die orgastische Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Auch damals entzog sie sich uns, aber darauf kommt es nicht an – morgen laufen wir schneller und strecken die Arme weiter aus…Und eines schönen Morgens…

So stemmen wir uns voran, in Booten gegen den Strom, und werden doch immer wieder zurückgeworfen ins Vergangene. (F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby)

Was für ein phänomenaler letzter Satz für einen Roman. Sätze wie diese, von einer so poetischen Wucht, machen es unmöglich, F. Scott Fitzgerald nicht zu mögen. Auch wenn er als Schriftstellerpersönlichkeit auf mich eher unsympathisch wirkt, zumindest aus feministischer Perspektive. Genau wie Hemingway repräsentiert auch er diesen arrogant zur Schau getragenen männlichen Egozentrismus, neben dem es die Frau nur als labiles Ding, hübsches Beiwerk oder Sehnsuchtsobjekt eines Mannes geben kann.

Das ist auch schon der einzige Kritikpunkt, den ich an diesem ansonsten großen Roman habe. Denn zum Glück ist das nur eine von vielen Ebenen, die Der grosse Gatsby (1925) aufmacht. Im Zentrum dieser vermeintlichen Liebesgeschichte im New York der Roaring Twenties steht nicht so sehr die Beziehung Gatsbys zu seiner angebeteten Daisy, sondern vielmehr das verzweifelte Streben eines Mannes danach, einem Ideal zu entsprechen, das nicht existiert. Das grüne Licht als Symbol all dessen, was unerreichbar bleibt, so sehr man auch danach greift. Weil man mit Geld nicht ändern kann, wer man ist, weil man die Vergangenheit nicht ändern kann. Und weil das, wonach man strebt, nur eine verkommene Illusion ist. Eine unerhörte Absage an den American Dream, laut dem doch angeblich alles möglich ist. Weiterlesen „F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby“

Reiselektüre: Westküste (USA)

Meinen Frust über den ausgebliebenen Frühling kompensiere ich mit dem Schwelgen in Urlaubserinnerungen. Der Kälte müde und des grauen Himmels überdrüssig, zehre ich in Gedanken von der Sonne Kaliforniens, von dem Licht Nevadas und den endlosblauen Himmeln Utahs und Arizonas.

Dabei sind meine Erinnerungen auch immer mit den wunderbaren Büchern verknüpft, die ich unterwegs gelesen habe und die wie geschaffen dafür sind, ein Gefühl für „das Land der Freiheit“ und den Westen im Besonderen zu bekommen. Weiterlesen „Reiselektüre: Westküste (USA)“

Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

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Ist es die Schuld der Eltern, wenn das Kind Amok läuft? Wird ein Mensch bösartig geboren oder ist es das Umfeld, das ihn dazu macht? Diese Frage wurde wahrscheinlich selten so drastisch gestellt wie im Roman Wir müssen über Kevin reden (We need to talk about Kevin, 2003) von Lionel Shriver.

Bei mir persönlich, die ich vor nicht allzu langer Zeit selbst Mama geworden bin, hat dieses Thema jedenfalls einen Nerv getroffen und mich so beschäftigt, dass ich mir gleich die Verfilmung zum Roman ansehen musste. Nicht weil mein Kind so böse ist, ganz im Gegenteil, halte ich meine Tochter natürlich für das liebste und süßeste Geschöpf der Welt – nach der Lektüre dieses Romans umso mehr – aber hätte ich theoretisch auch ein Kind bekommen können, das ich nicht mag, so wie es Eva in Wir müssen über Kevin reden ergangen ist? Die Antwort auf diese Frage ist eine gewaltige Grundsatzdiskussion, was diesen Roman zu mehr macht als einem fesselnden Psychothriller, der stellenweise an Horror grenzt.

Worum es geht

Wenige Tage vor seinem 16. Geburtstag wird Kevin zum Amokläufer und tötet 9 Menschen an seiner High-School. Im Fokus des Romans steht jedoch nicht Kevin selbst, sondern seine Mutter Eva, die etwa zwei Jahre später in Form von Briefen an ihren abwesenden Ehemann Franklin versucht, das Geschehene aufzuarbeiten. Sie erzählt, wie es ihr als Ausgestoßene in der Gesellschaft ergeht, rekonstruiert das Leben mit Kevin und fragt sich immer wieder, warum? Wie konnte es soweit kommen und was hätte sie als Mutter anders machen können? Weiterlesen „Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden“

Michael Chabon: Telegraph Avenue – wie ein Tarantino Film

Wenn man beginnt das Buch eines Pulitzer-Preisträgers zu lesen, einen ,,Roman zum Niederknien“, einen ,,der sich in die großen Werke der amerikanischen Gegenwartsliteratur einreiht“(so der Verlag) und laut Kritikern das beste ist, was Literatur zu bieten hat (Stand 2014), dann sind die Erwartungen groß. In meinem Fall zu groß. Denn ich habe zwar alle 668 Seiten gelesen, war am Ende aber froh, es hinter mich gebracht zu haben. Zu wenig Wesentliches wird auf zu vielen Seiten erzählt. Zu detailliert werden die banalsten Situationen beschrieben. Und zu lang sind die mit Nebensätzen vollgestopften Sätze, die sich manchmal über mehrere Seiten hinziehen.

Bei Telegraph Avenue geht es nicht eigentlich darum, eine Geschichte zu erzählen, sondern darum, ein buntes Zeitkolorit zu entwerfen und so ist das Buch voller Anspielungen und Verweise auf die schwarze Musikgeschichte, auf den Soul und Funk der 70er Jahre, auf trashige Kung-Fu Filme und vieles mehr, das heute als Retro und bei selbsternannten Nerds als hip gilt. Es ist wie ein Tarantino Film. Nur dass die Musik dazu selbstständig nachrecherchiert werden muss. Wer mit diesen popkulturellen Anspielungen wenig anfangen kann, so wie ich, den wird das Buch kaum fesseln. Für alle anderen mag es ein Volltreffer sein, denn es bietet reichlich kulturellen Gedankenstoff. Weiterlesen „Michael Chabon: Telegraph Avenue – wie ein Tarantino Film“

Eingedeckt: Bücher für den Herbstbeginn

Die letzten Sommertage genießen oder sich schon ein bisschen auf den Herbst freuen? Bei mir geht beides gleichzeitig. Und so bin ich gestern durch die Bibliothek gestreift und habe viele verheißungsvolle Romane mitgenommen, die so richtig Lust auf Lesen machen. Die nächsten Wochen verbringe ich mit:

Besonders auf den letzten Roman bin ich sehr gespannt, weil die Kritiker sich vor Begeisterung überschlagen. Zurecht? Wir werden sehen. Aber auch auf die Romane von Judith Hermann, Julia Franck, Thomas Hettche und Arno Geiger freue mich sehr, da ich zuletzt ganz wunderbare Bücher von ihnen gelesen habe, zum Beispiel dieses oder dieses hier. Maxim Biller ist bisher neu für mich und an Anna Galkins Roman interessiert mich das Thema (Jugend in den 80er Jahren der Sowjetunion) aus persönlichen Gründen.

Das wird ein guter Herbstanfang.