4 Blocks – Neukölln, deine Gangster(Serie)

4-blocks-plakat-neukölln.jpg

Wenn eine Serie direkt vor der eigenen Haustür spielt und einem dazu noch Einblicke in ein fremdes, zwielichtiges Milieu gewährt, ist das schon mal sehr spannend. Aber dieses mein zugegebenermaßen leicht voyeurostisches Interesse ist nicht allein der Grund dafür, dass die TNT-Serie 4 Blocks so sehenswert ist.

Beeindruckend ist vielmehr, dass eine deutsche Serie sich endlich mal ein bisschen mehr traut als das standardisierte Tatort-Geplänkel. Sich an aktuelle, gesellschaftliche Probleme heranwagt und dabei trotzdem die Unterhaltung nicht aus den Augen verliert. Nicht die Art von Unterhaltung, bei der ständig etwas in die Luft fliegt und Til Schweiger sich in Zeitlupe selbst feiert, sondern vielmehr eine Inszenierung, die den Vergleich mit amerikanischen Qualitätsformaten nicht scheut

Ein bisschen Sopranos, ein bisschen The Wire, hier und da eine Spur The Departed – ganz klar, bedient sich 4 Blocks mit Frederick Lau und Kida Khodr Ramadan in den Hauptrollen bei großen Vorbildern. Aber die Inszenierung des arabisch geprägten Neuköllns als Ort des organisierten Verbrechens, mit seinen Widersprüchlichkeiten und Problemen – die ist originell und wird dem lokalen Thema gerecht. Wozu lange in der Trickkiste wühlen, wenn die Realität auf der Straße doch so viele Geschichten zu bieten hat. Unglaublich, dass da nicht schon früher einer drauf gekommen ist. Und so fliegt die Kamera, begleitet von düsteren Haftbefehl-Beats, über die Dächer Neuköllns hinweg und zieht den Zuschauer mitten hinein in dieses zwiespältige Viertel mit seinen Möchte-gern-Gangstern zwischen Sportwetten-, Baklava- und Hipster-Schuppen. Weiterlesen „4 Blocks – Neukölln, deine Gangster(Serie)“

Jan Böttcher: Y – Ein politischer Beziehungsroman

Jan Böttcher: Y
copyright by Aufbau Verlag

,,Zwei Länder, dachte ich, ein Europa. […] Das Y war der einfachste aller Bäume, aller Stammbäume auch. Lasst uns die Stammbäume neu beschriften, dachte ich und legte meinem Sohn die Hand auf die Schulter. Meine Frau und ich, wir waren die armdicken Äste, die sich streckten und nach Hilfe ruderten, die alles aus der Luft griffen, was sich greifen ließ und es dann in den Stamm ihres einzigen Kindes hinableiteten, um ihm bei der Verwurzelung zu helfen. Benji aber, der trug uns. Der musste uns irgendwie tragen. Bis ins hohe Alter. Ertragen auch.“ (Jan Böttcher: Y)

Zwei Länder, ein Europa – so lässt sich die Intention von Jan Böttchers Roman Y (2016) wohl am besten zusammenfassen. Ein ,,großer europäischer Roman“ will er sein, so sagt es zumindest der Klappentext auf dem Buchumschlag. Ein Roman, der deutlich machen will, dass ob Kosovo oder Berlin, wir alle aus dem selben Holz geschnitzt sind, mit dem entscheidenden Unterschied, dass manche härter für das arbeiten müssen, was für andere bereits selbstverständlich, jedoch nicht weniger problematisch ist. Weiterlesen „Jan Böttcher: Y – Ein politischer Beziehungsroman“

Sarah Kuttner: 180° Meer

kuttner-180-grad-meer
Copyright by S. Fischer Verlag

Ich mag Sarah Kuttner, die Medienperson, nicht besonders. Schon damals bei Viva redete sie mir einfach viel zu viel, und war dabei auf eine Art selbstverliebt, die ich schlicht unsympathisch fand. Trotzdem komme ich nicht umhin, jeden ihrer Romane zu lesen. Vielleicht weil ihre Erzählerstimme mich irgendwie an eine Freundin erinnert, die ich mal hatte (die Sarah Kuttner selbstverständlich ganz toll fand), vielleicht aber auch aus den gleichen niederen Beweggründen, aus denen man auch schon mal in den Bachelor reinzappt: weil es manchmal Spaß macht, sich über Dinge aufzuregen, die man schlimm findet. Doch dieser Vergleich ist mehr als unfair, denn Kuttners jüngster Roman 180° Meer (2016) hat mit dem Bachelor rein gar nichts gemein. Tatsächlich fand ich ihn sogar besser als Mängelexemplar (2009) oder Wachstumsschmerz (2011). Warum ich dennoch die literaturwissenschaftliche Todsünde begehe und die Autorin mit dem Erzähler gleichsetze?
Weiterlesen „Sarah Kuttner: 180° Meer“

Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde

Meine 500 besten FreundeWer bei diesem Titel an den sozialen Größenwahn so mancher Digital Natives denkt, wird schnell eines besseren belehrt. In Meine 500 besten Freunde (2013) geht es Johanna Adorján weniger um die Oberflächlichkeit des Einzelnen, als vielmehr um die Oberflächlichkeit eines ganzen Berufsstandes. In kleinen, lose miteinander verbundenen Stories nimmt Adorján, selbst Journalistin und Feuilletonistin, auf kurzweilige Art und Weise den Kultur- und Medienbetrieb auseinander.

Dabei hätten ihre Protagonisten mit Sicherheit ganz beeindruckende Facebook-Profile vorzuweisen. Allesamt sind sie nach außen hin schillernde Persönlichkeiten, insofern, dass sie es irgendwie geschafft haben, einen Fuß in den Kulturbetrieb zu kriegen. Blickt man hinter die mühsam gepflegten Selbstdarstellungen findet man jedoch überwiegend Unsicherheit, Leere, Verzweiflung und die ganz normale Eitelkeit. Weiterlesen „Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde“

Aljoscha Brell: Kress – Literaturstudent auf Abwegen

9783550081095_cover
(c) ullstein

Selten hat man das Vergnügen, zufällig das Erstlingswerk eines Autors zu lesen, den man persönlich kennengelernt hat (wenn auch nur flüchtig als Kollegen). Automatisch sucht man im Roman nach verräterischen Indizien, die Aufschluss über die Person des Autors geben. Ein gutes Zeichen ist es wiederum, wenn man den Autor schon nach wenigen Seiten vergisst, weil der Roman einfach für sich selbst spricht. Kress (2015)  – benannt nach seinem Protagonisten – ist komisch und tragisch zugleich, ein spannender (Berlin-)Roman mit hohem Identifikationswert, nicht nur für Neuköllner und (ehemalige) Literaturstudenten der FU.

Worum es geht

Auf den ersten Blick ist Literaturstudent Kress ein wandelndes Klischee. Ein Streber, wie man ihn in philologischen Studiengängen häufiger antrifft: unglaublich belesen und von sich selbst überzeugt, dafür aber eher ungesellig und weltfremd. Ein auf Goethe spezialisierter Nerd, der sich für nichts anderes interessiert als für seine akademische Laufbahn. Nur dafür verlässt er seine heruntergekommene Altbauwohnung in Neukölln und fährt an die Uni in Dahlem, wo er in jedem Seminar zu jeder Frage die absolut korrekte Antwort parat hat.

Auf den zweiten Blick haftet Kress‘ pedantischer Korrektheit etwas manisches, soziopathisches an. Sein ganzes Sein richtet sich auf den verklärten Traum, eines Tages ein angesehener Goetheforscher zu werden. Andere Menschen lehnt er genauso vehement ab wie die Realität im Allgemeinen. Sein einziger Freund ist eine Taube, seine Arbeiten schreibt er immer noch an der Schreibmaschine. In sieben Jahren Berlin hat er es nicht geschafft, seine Umzugskartons auszupacken. Kress ist ein Misanthrop, der eisern das Image des intelektuellen, Cordjackett tragenden Überstudenten hochhält und dabei voller Verachtung auf seine Mitmenschen herabblickt, dieses ,,banale, lächerliche, mittelmäßige, geist- und sendungslose Pack“, das ihn mit seinem Small Talk belästigt.

Kress hatte das Gefühl, vom bloßen Zuhören dümmer zu werden. Ein Leuchtturm war er, einsam Wacht haltend auf dem Felsen der Exzellenz. Dagegen brandete die Gischt der Banalität.

Erst als er sich in eine Mitstudentin verliebt und seine Zukunft plötzlich nicht mehr so klar vor ihm liegt, gerät sein überzogenes Selbstbild ins Wanken. Die Fassade vom distanzierten Beobachter, der bewusst die Einsamkeit wählt, zerschellt an der Unfähigkeit, sozialen Anschluss zu finden. Das Gefühl der Überlegenheit zerbricht an der Unfähigkeit, die Frau seines Herzens für sich zu gewinnen. Was amüsant beginnt – der Clash zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung – wird mit fortschreitender Handlung zunehmend beklemmender. Denn bald wird klar, dass Kress ernsthafte Probleme hat. Ohne ein Gefühl für richtig oder falsch, versinkt er in einem Strudel wahnhafter Obsessionen. Weiterlesen „Aljoscha Brell: Kress – Literaturstudent auf Abwegen“

Über das Leben im Sozialismus: Gelesen im Dezember

img_20170102_205025Wie der Zufall es wollte, war mein Lese-Dezember geprägt von der literarischen Auseinandersetzung mit der DDR bzw. der deutschen Teilung. Beginnend mit der Nacht des Mauerfalls, die Thomas Hettche in Nox (1995) als barbarische Orgie inszeniert über Julia Francks Roman Rücken an Rücken (2011), in dem zwei Geschwister an der Unmenschlichkeit des sozialistischen Systems zugrundegehen bis hin zu Marion Braschs autobiografischem Roman Ab jetzt ist Ruhe (2012), in dem sie sehr humorvoll von ihrer Kindheit und Jugend in der DDR inmitten ihrer „fabelhaften Familie“ erzählt. Vom Vater, dem hohem Parteifunktionär und stellvertretenden Kulturminister, dessen Idealismus auf eine harte Probe gestellt wird, von der Mutter, die der Tristesse mit Humor begegnet und den drei Brüdern, die in der Kunst eine Zuflucht suchen und sich damit gegen den linientreuen Vater wenden (Marion Braschs Brüder sind die Schriftsteller Peter und Thomas Brasch sowie der Schauspieler Klaus Brasch). Weiterlesen „Über das Leben im Sozialismus: Gelesen im Dezember“

Julia Franck: Rücken an Rücken

julia-franck-ruecken-an-rueckenEs muss schwer sein, die Autorin eines internationalen Bestsellers und Trägerin des Deutschen Buchpreises zu sein. Wie soll man einem solchen Erfolg in zukünftigen Arbeiten gerecht werden? Ich jedenfalls konnte nicht umhin, große Erwartungen an Julia Francks Rücken an Rücken (2011) zu haben, dem Nachfolger von Die Mittagsfrau (2007), einem Buch, das wohl nicht nur mich begeistert hat.

Natürlich sind solch hohe Erwartungen oder gar Vergleiche der beiden Romane miteinander unfair, aber Julia Franck scheint es förmlich darauf anzulegen. Auch Rücken an Rücken ist ein Roman, der das Leben eines inniges Geschwisterpaares zum Thema hat und sich dabei mit deutscher Geschichte auseinandersetzt – nach der NS-Zeit nun die DDR kurz vor dem Mauerbau. Auch in Rücken an Rücken machen wir die Bekanntschaft mit einer Mutter, die Gefühle nicht gelten lässt und ihre Kinder mit eisiger Strenge erzieht. Im Vergleich zur Mittagsfrau ist das Erzähltempo hier jedoch deutlich langsamer. Mehr als die äußere Handlung steht hier die innere Entwicklung der Protagonisten im Fokus, ihre Anpassung an die vorherrschenden Verhältnisse in Ost-Deutschland, die sich Anfang der 60er Jahre wie eine Schlinge um den Hals eines jeden freiheitsliebenden Menschen legen.

Wer ständig Freiheit will, wird nur unglücklich; sie wird nie dort sein, wo du bist. (Julia Franck: Rücken an Rücken)

Weiterlesen „Julia Franck: Rücken an Rücken“