Sven Regener: Wiener Strasse

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P. Immel, Kacki, Dr. Votz – so heißen sie, die Protagonisten, die in diesem neuen Sven Regener Roman den Mikrokosmos von Frank Lehmann bewohnen  die Wiener Strasse in Kreuzberg, im Schatten der Mauer Anfang der 80er Jahre. Kommt man ersteinmal über diese gnadenlos albernen Namen hinweg, amüsiert man sich köstlich über diese nicht minder albernen Figuren, die den ganzen Tag so vor sich hin sinnieren und dabei ganz nebenbei die Frage danach stellen, was eigentlich Kunst ist.

Da ist der leicht geisteskrank wirkende H. R., der gerne mit Kettensäge und Mistgabel durch die Gegend rennt und selbst eine einzige Performance ist. Da ist P. Immel, der Anführer der ArschArt Gruppe, der unter dem Deckmantel der Kunst gerne den Diktator spielt. Kacki, der sentimentale Österreicher, der wirklich gerne „zusammen leben, lieben, Kunst machen“ würde und doch von niemandem ernst genommen wird. Und natürlich die alten Bekannten aus der Herr Lehmann Trilogie (Herr Lehmann, Neue Vahr Süd, Der kleine Bruder): Karl Schmidt, der seine Metallskulpturen an den Mann bringen will, der griesgrämige aber doch warmherzige Erwin, der sich darauf vorbereitet Vater zu werden, und natürlich Frank Lehmann, der nicht oft genug betonen kann, dass man über Menschen nicht in der dritten Person spricht, wenn diese dabei sind. Weiterlesen „Sven Regener: Wiener Strasse“

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Berlin Syndrom – Die Stadt frisst ihre Touris

 

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(c) MFA+

,,Frauen, reist bloß nicht allein“ oder ,,Augen auf beim One-Stand-Night“ –  so in etwa ließe sich die Botschaft von Berlin Syndrom (2017) banal auf den Punkt bringen. In dem Psychothriller von Cate Shortland gerät die australische Backpackerin Clare (Teresa Palmer), die in Berlin das Abenteuer sucht, an den denkbar schlechtesten Mann für eine Nacht; Soziopath Andi (Max Riemelt) lässt sie am Morgen danach einfach nicht gehen. Während Clare zunächst noch alles daran setzt, aus der Isolationshaft seiner Wohnung zu entkommen, muss sie sich nach und nach mit ihrem Peiniger arrangieren und entwickelt in Momenten der Schwäche fast schon so etwas wie Mitgefühl.

Stockholm-Syndrom nennt sich das Phänomen, wenn Opfer Zuneigung zu ihren Entführern entwickeln –  benannt nach einem Kriminalfall in der schwedischen Hauptstadt, bei dem die Geiseln sich nach mehrtägiger Geiselhaft mehr zu den Tätern als zu ihren Rettern hingezogen fühlten. Doch auch wenn der Filmtitel ein solches Verhältnis andeuten will, trifft es hier nur sehr entfernt zu. Als alle Ausbruchsversuche scheitern, versucht Clare weniger aus Sympathie als aus purem Überlebenswillen, sich mit Andi ,,gutzustellen“. Umso interessanter erscheint da der Filmtitel. Warum Berlin Syndrom? Was ist das berlinspezifische an dieser Geschichte, wo so etwas doch überall auf der Welt passieren könnte? Weiterlesen „Berlin Syndrom – Die Stadt frisst ihre Touris“

4 Blocks – Neukölln, deine Gangster(Serie)

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Wenn eine Serie direkt vor der eigenen Haustür spielt und einem dazu noch Einblicke in ein fremdes, zwielichtiges Milieu gewährt, ist das schon mal sehr spannend. Aber dieses mein zugegebenermaßen leicht voyeurostisches Interesse ist nicht allein der Grund dafür, dass die TNT-Serie 4 Blocks so sehenswert ist.

Beeindruckend ist vielmehr, dass eine deutsche Serie sich endlich mal ein bisschen mehr traut als das standardisierte Tatort-Geplänkel. Sich an aktuelle, gesellschaftliche Probleme heranwagt und dabei trotzdem die Unterhaltung nicht aus den Augen verliert. Nicht die Art von Unterhaltung, bei der ständig etwas in die Luft fliegt und Til Schweiger sich in Zeitlupe selbst feiert, sondern vielmehr eine Inszenierung, die den Vergleich mit amerikanischen Qualitätsformaten nicht scheut

Ein bisschen Sopranos, ein bisschen The Wire, hier und da eine Spur The Departed – ganz klar, bedient sich 4 Blocks mit Frederick Lau und Kida Khodr Ramadan in den Hauptrollen bei großen Vorbildern. Aber die Inszenierung des arabisch geprägten Neuköllns als Ort des organisierten Verbrechens, mit seinen Widersprüchlichkeiten und Problemen – die ist originell und wird dem lokalen Thema gerecht. Wozu lange in der Trickkiste wühlen, wenn die Realität auf der Straße doch so viele Geschichten zu bieten hat. Unglaublich, dass da nicht schon früher einer drauf gekommen ist. Und so fliegt die Kamera, begleitet von düsteren Haftbefehl-Beats, über die Dächer Neuköllns hinweg und zieht den Zuschauer mitten hinein in dieses zwiespältige Viertel mit seinen Möchte-gern-Gangstern zwischen Sportwetten-, Baklava- und Hipster-Schuppen. Weiterlesen „4 Blocks – Neukölln, deine Gangster(Serie)“

Jan Böttcher: Y – Ein politischer Beziehungsroman

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,,Zwei Länder, dachte ich, ein Europa. […] Das Y war der einfachste aller Bäume, aller Stammbäume auch. Lasst uns die Stammbäume neu beschriften, dachte ich und legte meinem Sohn die Hand auf die Schulter. Meine Frau und ich, wir waren die armdicken Äste, die sich streckten und nach Hilfe ruderten, die alles aus der Luft griffen, was sich greifen ließ und es dann in den Stamm ihres einzigen Kindes hinableiteten, um ihm bei der Verwurzelung zu helfen. Benji aber, der trug uns. Der musste uns irgendwie tragen. Bis ins hohe Alter. Ertragen auch.“ (Jan Böttcher: Y)

Zwei Länder, ein Europa – so lässt sich die Intention von Jan Böttchers Roman Y (2016) wohl am besten zusammenfassen. Ein ,,großer europäischer Roman“ will er sein, so sagt es zumindest der Klappentext auf dem Buchumschlag. Ein Roman, der deutlich machen will, dass ob Kosovo oder Berlin, wir alle aus dem selben Holz geschnitzt sind, mit dem entscheidenden Unterschied, dass manche härter für das arbeiten müssen, was für andere bereits selbstverständlich, jedoch nicht weniger problematisch ist. Weiterlesen „Jan Böttcher: Y – Ein politischer Beziehungsroman“

Sarah Kuttner: 180° Meer

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Ich mag Sarah Kuttner, die Medienperson, nicht besonders. Schon damals bei Viva redete sie mir einfach viel zu viel, und war dabei auf eine Art selbstverliebt, die ich schlicht unsympathisch fand. Trotzdem komme ich nicht umhin, jeden ihrer Romane zu lesen. Vielleicht weil ihre Erzählerstimme mich irgendwie an eine Freundin erinnert, die ich mal hatte (die Sarah Kuttner selbstverständlich ganz toll fand), vielleicht aber auch aus den gleichen niederen Beweggründen, aus denen man auch schon mal in den Bachelor reinzappt: weil es manchmal Spaß macht, sich über Dinge aufzuregen, die man schlimm findet. Doch dieser Vergleich ist mehr als unfair, denn Kuttners jüngster Roman 180° Meer (2016) hat mit dem Bachelor rein gar nichts gemein. Tatsächlich fand ich ihn sogar besser als Mängelexemplar (2009) oder Wachstumsschmerz (2011). Warum ich dennoch die literaturwissenschaftliche Todsünde begehe und die Autorin mit dem Erzähler gleichsetze?
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Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde

Meine 500 besten FreundeWer bei diesem Titel an den sozialen Größenwahn so mancher Digital Natives denkt, wird schnell eines besseren belehrt. In Meine 500 besten Freunde (2013) geht es Johanna Adorján weniger um die Oberflächlichkeit des Einzelnen, als vielmehr um die Oberflächlichkeit eines ganzen Berufsstandes. In kleinen, lose miteinander verbundenen Stories nimmt Adorján, selbst Journalistin und Feuilletonistin, auf kurzweilige Art und Weise den Kultur- und Medienbetrieb auseinander.

Dabei hätten ihre Protagonisten mit Sicherheit ganz beeindruckende Facebook-Profile vorzuweisen. Allesamt sind sie nach außen hin schillernde Persönlichkeiten, insofern, dass sie es irgendwie geschafft haben, einen Fuß in den Kulturbetrieb zu kriegen. Blickt man hinter die mühsam gepflegten Selbstdarstellungen findet man jedoch überwiegend Unsicherheit, Leere, Verzweiflung und die ganz normale Eitelkeit. Weiterlesen „Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde“

Aljoscha Brell: Kress – Literaturstudent auf Abwegen

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(c) ullstein

Selten hat man das Vergnügen, zufällig das Erstlingswerk eines Autors zu lesen, den man persönlich kennengelernt hat (wenn auch nur flüchtig als Kollegen). Automatisch sucht man im Roman nach verräterischen Indizien, die Aufschluss über die Person des Autors geben. Ein gutes Zeichen ist es wiederum, wenn man den Autor schon nach wenigen Seiten vergisst, weil der Roman einfach für sich selbst spricht. Kress (2015)  – benannt nach seinem Protagonisten – ist komisch und tragisch zugleich, ein spannender (Berlin-)Roman mit hohem Identifikationswert, nicht nur für Neuköllner und (ehemalige) Literaturstudenten der FU.

Worum es geht

Auf den ersten Blick ist Literaturstudent Kress ein wandelndes Klischee. Ein Streber, wie man ihn in philologischen Studiengängen häufiger antrifft: unglaublich belesen und von sich selbst überzeugt, dafür aber eher ungesellig und weltfremd. Ein auf Goethe spezialisierter Nerd, der sich für nichts anderes interessiert als für seine akademische Laufbahn. Nur dafür verlässt er seine heruntergekommene Altbauwohnung in Neukölln und fährt an die Uni in Dahlem, wo er in jedem Seminar zu jeder Frage die absolut korrekte Antwort parat hat.

Auf den zweiten Blick haftet Kress‘ pedantischer Korrektheit etwas manisches, soziopathisches an. Sein ganzes Sein richtet sich auf den verklärten Traum, eines Tages ein angesehener Goetheforscher zu werden. Andere Menschen lehnt er genauso vehement ab wie die Realität im Allgemeinen. Sein einziger Freund ist eine Taube, seine Arbeiten schreibt er immer noch an der Schreibmaschine. In sieben Jahren Berlin hat er es nicht geschafft, seine Umzugskartons auszupacken. Kress ist ein Misanthrop, der eisern das Image des intelektuellen, Cordjackett tragenden Überstudenten hochhält und dabei voller Verachtung auf seine Mitmenschen herabblickt, dieses ,,banale, lächerliche, mittelmäßige, geist- und sendungslose Pack“, das ihn mit seinem Small Talk belästigt.

Kress hatte das Gefühl, vom bloßen Zuhören dümmer zu werden. Ein Leuchtturm war er, einsam Wacht haltend auf dem Felsen der Exzellenz. Dagegen brandete die Gischt der Banalität.

Erst als er sich in eine Mitstudentin verliebt und seine Zukunft plötzlich nicht mehr so klar vor ihm liegt, gerät sein überzogenes Selbstbild ins Wanken. Die Fassade vom distanzierten Beobachter, der bewusst die Einsamkeit wählt, zerschellt an der Unfähigkeit, sozialen Anschluss zu finden. Das Gefühl der Überlegenheit zerbricht an der Unfähigkeit, die Frau seines Herzens für sich zu gewinnen. Was amüsant beginnt – der Clash zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung – wird mit fortschreitender Handlung zunehmend beklemmender. Denn bald wird klar, dass Kress ernsthafte Probleme hat. Ohne ein Gefühl für richtig oder falsch, versinkt er in einem Strudel wahnhafter Obsessionen. Weiterlesen „Aljoscha Brell: Kress – Literaturstudent auf Abwegen“