Horrorctober: Stephen Kings Es

Lesen im Herbstlaub: Stephen Kings Es

Obwohl ich mich jedes Jahr wieder auf Halloween freue, muss ich auch immer wieder feststellen, dass mein zartes Gemüt sich für das Horror-Genre wenig eignet. Das Leben ist schon aufregend genug, da braucht es kein zusätzliches Adrenalin, um mich nachts wach zu halten. Ich bin auch nicht jemand, der Bungeejumping für eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung hält. Aber wenn da schon ein 1500 Seiten starker Roman darauf wartet, gelesen zu werden – Stichpunkt zweifelhafte Buchgeschenke – dann lässt mir das einfach keine Ruhe.

Zumal es sich bei Stephen Kings Es (1986) um einen Klassiker seines Genres handelt, der so häufig zitiert wird, dass er mittlerweile zum allgemeinen Kulturgut gehört. Dieser goldene Oktober schien mir ein guter Zeitpunkt, um nähere Bekanntschaft mit dem berühmten Horror-Clown zu machen.

Weiterlesen „Horrorctober: Stephen Kings Es“

Bov Bjerg: Auerhaus

Buchcover: Auerhaus von Bov Bjerg
(c) Aufbau Verlag

Our house / in the middle of the street… – Bov Bjergs Roman Auerhaus (2015) klingt auf den ersten Blick nach Pop, nach Spaß, nach jugendlichem Leichtsinn. Schließlich geht es darin um sechs Freunde, die kurz vor dem Abitur zusammen in eine WG mitten auf dem Dorf ziehen und so für kurze Zeit zu spüren bekommen, was es heißt, frei zu sein. Auch die Sprache des jugendlichen Ich-Erzählers ist so schlicht und einfach, dass es manchmal weh tut (beinahe jeder Satz wird mit einem sinnlosen „egal“ oder „quasi“ relativiert).

Und doch: Auerhaus ist kein seichter Jugendroman. Bjergs Erzählstil nicht zu unterschätzen. Denn der jugendliche Leichtsinn, den diese WG für kurze Zeit erleben darf, ist nur ein flüchtiger Moment, der noch während er andauert von Abschiedsschmerz durchdrungen ist. Und Bjerg schafft es wie schon in seinem Debut Deadline (2008) seine Erzählung so zu komprimieren, dass bereits kleine Szenen ausreichen, um komplexe Charaktere zum Leben zu erwecken. Kurze Momente, die Bände sprechen, verpackt in einer erstaunlich knappen, punktgenauen Sprache, die selbst Themen wie Depression und Suizid so natürlich integriert, dass der Roman davon zu keiner Zeit beschwert wird.

Weiterlesen „Bov Bjerg: Auerhaus“

13 Reasons Why – Staffel 2

Wie setzt man eine Geschichte fort, die eigentlich auserzählt ist? Wie schafft man eine würdige Fortsetzung für ein Format, das so viele kontroverse Diskussionen ausgelöst hat? Nicht indem man einfach eine neue hanebüchene Geschichte hinzudichtet – wie ich es für die Fortsetzung von  13 Reasons Why (Tote Mädchen lügen nicht) befürchtet hatte – sondern indem man all diesen Kontroversen einen eigenen Platz in der Geschichte einräumt und aus der Kritik an der ersten Staffel lernt.

Und was soll ich sagen, ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber die 2. Staffel der Netflix-Serie, die Hannahs Selbstmord im Rahmen einer Gerichtsprozesses aus verschiedenen Blickwinkeln reflektiert, gefiel mir sogar besser als die erste. Sie ist weniger plakativ, weniger durchgestylt, weniger genrefixiert – dafür aber um einiges tiefgehender, gründlicher und ja, auch spannender. Immerhin steht der Ausgang der Handlung nicht von vornherein fest. Weiterlesen „13 Reasons Why – Staffel 2“

Frances Ha oder das Greta-Gerwig-Phänomen

Frances Ha Filmplakat
(c) MFA+

Da ich es gerade einfach nicht schaffe, für Lady Bird ins Kino zu gehen, musste es gestern Abend Frances Ha (2012) sein. Der Film, der Greta Gerwig seinerzeit endgültig zum Star des Indie-Films machte. Zumindest hatte ich das irgendwo mal aufgeschnappt. Ich mochte Greta Gerwig an der Seite von Ethan Hawke in Maggie’s Plan und auch als punkige Fotografin in Jahrhundertfrauen, aber als ich gestern Abend Frances Ha gesehen habe, wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte. Offenbar gilt sie als Queen der sogenannten Mumblecore-Bewegung, von deren Existenz ich noch nie etwas gehört habe, genauso wenig wie von Greenberg (2010), ihrem ersten Mainstream-Film an der Seite von Ben Stiller.

Nun, was nicht ist, kann ja noch werden. Frances Ha stammt jedenfalls vom selben Regisseur, Noah Baumbach, der gleichzeitig auch der Lebensgefährte von Gerwig ist und offensichtlich gerne mit Ben Stiller und Adam Driver zusammenarbeitet (Gefühlt Mitte Zwanzig, The Meyerowitz Stories). Letzteren sieht man übrigens auch in Frances Ha: In der Rolle eines frauenverschleißenden Hipster-Machos war er eine schöne Überraschung, denn ich hatte keine Ahnung, dass Driver schon vor Girls in der Filmwelt ein Thema war.

Und Girls kam mir nicht nur deswegen in den Sinn. Frances Ha, von Gerwig mitgeschrieben, greift die gleichen Themen auf wie Lena Dunhams HBO-Serie; die Orientierungslosigkeit der Zwanziger irgendwo zwischen Studium und Ankommen im Beruf, zwischen Traumerfüllung und Scheitern in New York und nicht zuletzt zwischen Freundschaften und Beziehungen, die in dieser nie enden wollenden Coming-of-Age-Phase überlebenswichtig scheinen, ebendiese doch meistens nicht überleben. Aber: Frances Ha ist nicht Girls. Greta Gerwig nicht Lena Dunham. Wo Girls durch Rohheit provoziert, schafft Frances Ha in seiner wunderschön fotografierten Schwarz-Weiß-Ästhetik einen optimistischen, leichtfüßigen Zauber. Wo Hannahs Dreistigkeit Fremdscham-Gefühle auslöst, ist Frances‘ grobschlächtige Authentizität schlicht zum Verlieben. Weiterlesen „Frances Ha oder das Greta-Gerwig-Phänomen“

Stranger Things – Staffel 2

Wenn eine gute Fortsetzung darin besteht, offene Fragen zu beantworten und Lücken zu schließen, ist Stranger Things 2, wie sich die 2. Staffel des Netflix-Serienhits in der Tradition der Fortsetzungen selbst bezeichnet, durchaus gelungen. Trotz dem Zeitsprung von einem Jahr, setzt die Serie genau dort an, wo sie aufgehört hat und liefert dem Zuschauer im Detail das nach, was am Ende der ersten Stranger Things Staffel offen blieb. Was geschah mit Elfie? Welche Verbindung hat Will noch zur Schattenwelt? Wie geht es mit dem Hawkings Labor weiter? Steht Nancy auf den Draufgänger Steve oder doch eher auf den introvertierten Jonathan? Akribisch greift die Fortsetzung diese Fragen auf und versucht dabei jedem seiner Protagonisten gerecht zu werden. Selbst Barb, die in der ersten Staffel als einzige unwiederbringlich dem Demogorgon zum Opfer fiel, wird hier noch nachträglich gerächt. Das ist nett, aber ist das noch spannend oder gar gruselig?
Weiterlesen „Stranger Things – Staffel 2“

Stephen Chbosky: The Perks of Being a Wallflower

Buchcover: Stephen Chboskys The perks of being a wallflower

Five minutes of a lifetime were truly spent, and we felt young in an good way. I have since bought the record, and I would tell you what it was, but truthfully, it’s not the same unless you’re driving to your first real party, and you’re sitting in the middle seat of a pickup with two nice people when it starts to rain.


Stephen Chbosky: The Perks of Being a Wallflower

Eine Zeit, in der ein Song dein Leben verändern kann, in der die richtigen Freunde alles bedeuten – davon erzählt Stephen Chboskys Coming-of-Age-Roman The Perks of Beeing a Wallflower (1999), der mir neulich in der Jugendabteilung meiner Bibliothek in die Hände fiel. Ich hatte mich dorthin verirrt, weil mein eigener kleiner Klops mir dorthin entlaufen war. Und als ich mich so umsah, war ich erstaunt, so viele Bücher zu entdecken, die ich gern gelesen hätte. Interessant eigentlich, dass man irgendwann aufhört, Jugendliteratur zu lesen, als würde sie einen nichts mehr angehen. Dabei sind es Bücher wie J.D. Salingers Der Fänger im Roggen oder Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel, deren Wirkung mir am stärksten in Erinnerung geblieben ist. Vielleicht ist Jugendliteratur das wichtigste Genre überhaupt, weil sie uns in einem Alter erreicht, in dem man noch so leicht zu beeindrucken ist.

Stephen Chboskys The Perks of Beeing a Wallflower, 2012 vom Autor sehr gelungen verfilmt (dt.: Vielleicht lieber morgen), bringt die ambivalente Stimmung eben dieses Alters perfekt zum Ausdruck. Diese Zeit der ersten Male, in der man beginnt seine bisherige Lebenswelt, die Familie, in Frage zu stellen und Songs, Bücher und vor allem Freundschaften einem offenbaren, wer man sein könnte.

Weiterlesen „Stephen Chbosky: The Perks of Being a Wallflower“

3 Reasons Why: Tote Mädchen lügen nicht

I don’t know what I’m supposed to do, haunted by the ghost of you.

The Night We Met, Lord Huron

Balsam für das Indie-Herz. So könnte man den Soundtrack der bisher am meisten betwitterten Netflix-Serie 13 Reasons Why (dt.: Tote Mädchen lügen nicht) beschreiben. Und so bin ich ganz froh, dass ich meine Skepsis gegenüber diesem stark gehypten, von Selena Gomez produzierten Teen-Drama doch noch überwunden habe. Andernfalls wäre ich jetzt um eine wunderbare Playlist ärmer. Oberflächlich und taktlos angesichts der ernsten Themen, die in der Serie verhandelt werden? Keineswegs, denn erstens handelt es sich dabei immer noch um fiktives, effekthaschendes Unterhaltungsfernsehen, das man nicht überbewerten sollte und zweitens ist die Serie im Kern doch lebensbejahend, was in der Musik noch am besten zum Ausdruck kommt. Und damit bin ich auch schon bei dem ersten von drei Gründen, aus denen sich die Serie durchaus lohnen kann.

Weiterlesen „3 Reasons Why: Tote Mädchen lügen nicht“

Thomas Glavinic: Wie man leben soll

wie-man-leben-soll

Mädchen, Musik und die Mühen des Erwachsenwerdens. Wie man leben soll (2004) von Thomas Glavinic ist ein herrliches Stück Popliteratur, das sich selbst nicht so ernst nimmt und damit das Genre humoristisch konterkariert. Einen richtigen Spannungsbogen gibt es nicht, vielmehr folgt eine Episode aus dem Leben des kauzigen Charlie der nächsten. Dabei ist der Roman, wie der Titel erahnen lässt, konsequent im Stil eines Ratgebers verfasst, und liefert so absurd-witzige Erkenntnisse aus dem Leben, dass man sich am Ende sicher ist: so soll man ganz bestimmt nicht leben.

Worum es geht

Der junge Österreicher Karl Kolostrum, kurz Charlie, ist stark übergewichtig und im Allgemeinen mit sich selbst und seinem Leben unzufrieden. Er bzw. man wäre gern ein Draufgänger, ein Rockstar, dem die Frauen zu Füßen liegen. Stattdessen ist man verunsichert, kriegt nur Mädchen ab, die ähnlich unattraktiv sind wie man selbst und muss in der Ratgeberliteratur über sich lesen, man sei ein ,,Sitzer“. Jemand der nie aufbegehrt, alles bloß hinnimmt und ja alles tut, um von jedermann gemocht zu werden.

Weiterlesen „Thomas Glavinic: Wie man leben soll“

Stranger Things – eine Hommage an die Filme unserer Kindheit

Schon der Schriftzug des Serientitels weckt Nostalgie-Gefühle. Kein Wunder, scheinen die Buchstaben direkt einem Stephen King Buchcover entsprungen zu sein. Hört man dann die düsteren Synthesizer-Klänge der Titelmelodie, weiß man, man hat sich nicht getäuscht, hier legt es jemand bewusst drauf an, uns in die 80er Jahre zurückzubefördern. In die Zeit als Horrorfilme wie Poltergeist und Nightmare on Elm Street  noch schockten und es gleichzeitig diese wunderbaren Coming-of-Age Filme wie Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers, Die Goonies oder E.T. – Der Außerirdische gab, in denen Freundschaft und der Zauber der kindlichen Phantasie über alles gingen. Die Science-Fiction-Mystery Serie Stranger Things, ein Netflix Original, das derzeit in aller Munde ist, ist ein Konglomerat all dieser Filme.

Die Serienschöpfer (Matt und Ross Duffer, Jahrgang 84) scheinen ganz bewusst das Beste aus diesem Mystery-Genre der 80er Jahre herausgepickt zu haben, um es mit viel Liebe neu zusammenzusetzen. Stranger Things ist wie eine Mischung aus einem Stephen King Roman und einem Steven Spielberg Film, im Retro-Look der 80er, mit viel Grusel, Magie und kindlichem Charme – und Winona Ryder, einem längst verglühten Hollywood-Stern, der hier passenderweise sein Comeback feiert. Weiterlesen „Stranger Things – eine Hommage an die Filme unserer Kindheit“