Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

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Einst lebten 14.000 Menschen im Einzugsbereich des Tschernobyl-Reaktors. Heute sind es 700. Verlorene Menschen, die sich ihre Heimat von der Katastrophe nicht rauben lassen wollten und nach der Evakuierung in ihre Dörfer zurückkehrten. Eine von ihnen ist die fiktive Baba Dunja, die Hauptprotagonistin in Alina Bronskys kleinem, aber sehr feinem Roman Baba Dunjas letzte Liebe (2015). Die ,,winzige, kugelrunde Frau mit dem runzligen Gesicht“ findet in der verlassenen ,,Todeszone“ das erste Mal in ihrem Leben so etwas wie Freiheit.

Die wenigen Nachbardörfer sind verlassen. Die Häuser stehen da, aber die Wände sind schief und dünn, und die Brennnesseln ragen bis unters Dach. Es gibt nicht einmal Ratten, weil Ratten Müll brauchen, frischen, fetten Müll. Ratten brauchen Menschen.
Ich hätte mir jedes Haus in Tschernowo aussuchen können, als ich zurückkehrte. Ich nahm mein altes.

Was sich fast schon postapokalyptisch anhört, erweist sich erstaunlicherweise schnell als idyllisch. Aus der einfachen, klugen und humorvollen Perspektive einer alten Frau bekommt der Leser Einblick in den Alltag einer kleinen Dorfgemeinschaft, die auf den Rest der Welt sonderbar und verrückt wirken mag, die aber ausgerechnet hier, in der verlassenden ,,Todeszone“, ihren Frieden gefunden hat. Weiterlesen „Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe“

Julia Franck: Rücken an Rücken

julia-franck-ruecken-an-rueckenEs muss schwer sein, die Autorin eines internationalen Bestsellers und Trägerin des Deutschen Buchpreises zu sein. Wie soll man einem solchen Erfolg in zukünftigen Arbeiten gerecht werden? Ich jedenfalls konnte nicht umhin, große Erwartungen an Julia Francks Rücken an Rücken (2011) zu haben, dem Nachfolger von Die Mittagsfrau (2007), einem Buch, das wohl nicht nur mich begeistert hat.

Natürlich sind solch hohe Erwartungen oder gar Vergleiche der beiden Romane miteinander unfair, aber Julia Franck scheint es förmlich darauf anzulegen. Auch Rücken an Rücken ist ein Roman, der das Leben eines inniges Geschwisterpaares zum Thema hat und sich dabei mit deutscher Geschichte auseinandersetzt – nach der NS-Zeit nun die DDR kurz vor dem Mauerbau. Auch in Rücken an Rücken machen wir die Bekanntschaft mit einer Mutter, die Gefühle nicht gelten lässt und ihre Kinder mit eisiger Strenge erzieht. Im Vergleich zur Mittagsfrau ist das Erzähltempo hier jedoch deutlich langsamer. Mehr als die äußere Handlung steht hier die innere Entwicklung der Protagonisten im Fokus, ihre Anpassung an die vorherrschenden Verhältnisse in Ost-Deutschland, die sich Anfang der 60er Jahre wie eine Schlinge um den Hals eines jeden freiheitsliebenden Menschen legen.

Wer ständig Freiheit will, wird nur unglücklich; sie wird nie dort sein, wo du bist. (Julia Franck: Rücken an Rücken)

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Arno Geiger: Es geht uns gut – ein großer Familienroman

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Arno Geigers Es geht uns gut, 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, fiel mir letzten Monat in die Hände und war eine wahrlich intensive Entdeckung, denn ich konnte den Roman kaum weglegen. Dieses Buch ist wie eine Zeitreise: es beginnt in der Gegenwart und führt Kapitel um Kapitel zurück in vergangene Tage der einzelnen Familienmitglieder. Man wird regelrecht hineingesogen in diese melancholische Familiengeschichte, die drei Generationen und 70 Jahre des vergangenen Jahrhunderts umfasst.

 Worum es geht

Es ist April 2001 in der Wiener Vorstadt. Philipp Erlach, ein Schriftsteller in den Dreißigern, hat das Haus seiner Großmutter geerbt. Widerwillig findet er sich in der heruntergekommenen Villa ein, um den Nachlass zu ordnen. Dabei wird schnell klar: Philip hat kein Interesse. Nicht an dem Haus, nicht an den Dingen, die seine Großeltern ihm hinterlassen haben, und schon gar nicht an der eigenen Familiengeschichte. Es scheint, als führe er ein Leben in der Schwebe, ohne sich auf irgendetwas oder irgendwen festzulegen. Seine langjährige Affäre Johanna, eine verheiratete Meteorologin, die nur hin und wieder vorbeischaut, ist sein einziger menschlicher Kontakt. Zumindest bis die Schwarzarbeiter Steinwald und Atamanow auftauchen, um ihm bei der Entrümpelung des Hauses zu helfen. Die infantile, verzweifelte Art und Weise, mit der Philipp versucht, die Freundschaft der beiden zu gewinnen, zeigt umso mehr, wie einsam er ist. Weiterlesen „Arno Geiger: Es geht uns gut – ein großer Familienroman“