Mad Men: Staffel 1-7

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(c) Art of the Title

Nach 7 Staffeln Mad Men bin ich um eine Lieblingsserie reicher, um einiges weiser und doch so trübsinnig wie nur Don Draper es sein kann. Das wars nun. Keine Abende mehr mit Antiheld Don, Powerfrau Peggy oder Spaßvogel Roger. Es sei denn, ich fange noch einmal von vorne an, was ich ernsthaft in Erwägung ziehe. Denn das traurigste an diesem Serienende ist, dass eine so herausragende Serie so bald wohl nicht wieder um die Ecke kommt.

Eine Serie, bei der man sich darauf verlassen kann, dass jede Folge ein Genuss ist. Bei der es nicht darum geht, die Handlung künstlich voranzutreiben oder in die Länge zu ziehen, sondern einzig um die Entwicklung der Charaktere, die sich zunächst langsam und dann umso schneller vollzieht und fast wie von selbst packende Wendungen hervorbringt – gespickt mit genialen Dialogen und absurd komischen Momenten. Und vor allem auch eine Serie, die sich ästhetisch meisterlich einem ganzen Jahrzehnt widmet – den glamourösen 60er Jahren, die so viele einschneidende Veränderungen hervorgebracht haben. Zu sagen, dass die Serie von einer Werbeagentur in den 60er Jahren handelt, wäre deshalb zu kurz gegriffen. Vielmehr ist Mad Men

  • …eine Geschichte des Mannes in der Identitätskrise.
  • …eine Geschichte von der Emanzipation der Frau.
  • …ein Sittengemälde der 60er Jahre.
  • …eine Serie, die nach nichts weniger fragt als dem Sinn des Lebens.

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Holy mother!

Wenn sich eine weibliche Filmfigur in einem großen, abgeschiedenen Haus wiederfindet, geht das selten gut aus. Läuft der Gatte nicht gerade Amok, wird sie entweder von satanischen Mächten oder einem Serienkiller heimgesucht. Mit dieser Erwartung ging ich jedenfalls ins Kino, um mother! zu sehen, Darren Aronofskys neustes, als Psychothriller getarntes Meisterwerk mit Jennifer Lawrence und Javier Bardem in den Hauptrollen. Auf das, was ich dort tatsächlich zu sehen bekam, war ich nicht vorbereitet.

Die menschliche Schöpfungsgeschichte in der Nussschale, in einem viktorianischen Haus genau genommen, in dem ,,Er“, der geniale Dichter aka Schöpfer, mit ihr zusammenlebt, der ,,Mutter“, die sich verzweifelt bemüht, den Frieden im Haus aufrecht zu erhalten und doch nicht verhindern kann, dass Krieg und Chaos einziehen. Mother! gehört zu den Filmen, die man sofort ein zweites Mal sehen will, allein um die vielen Indizien für den allegorischen Deutungsansatz besser einordnen zu können. Weiterlesen „Holy mother!“

Elena Ferrantes Neapolitanische Saga Band 1-3

Nun hat es auch mich erwischt: das Ferrante-Fieber. Nachdem sich Meine geniale Freundin und Die Geschichte eines neuen Namens als Urlaubssuchtlektüre erwiesen hatten, konnte ich es kaum erwarten, mich zu Hause auf den neu erschienen 3. Band Die Geschichte der getrennten Wege zu stürzen. Jetzt fühle ich mich leer und verlassen, denn der vierte und letzte Band Die Geschichte des verlorenen Kindes erscheint erst nächstes Jahr, und das bei diesem unerhörten Cliffhanger. Warum macht diese selbsternannte Neapolitanische Saga bloß so süchtig? 

Die Bücher folgen den Lebenswegen zweier Freundinnen, Elena und Lila, die obwohl sie am gleichen Ausgangspunkt beginnen, sehr unterschiedlich verlaufen. Beide Mädchen wachsen im selben von Gewalt und Korruption durchdrungenen Armenviertel auf, beide sind außergewöhnlich intelligent. Doch während Elena – die Erzählerin der Geschichte – weiter zur Schule gehen darf, Schriftstellerin wird und in eine intellektuelle Familie einheiratet, wird Lila, der vermeintlich schöneren und begabteren von beiden, der Bildungsweg verwehrt und sie bleibt im Rione zurück, wo sie mit 16 heiratet, zum Opfer häuslicher Gewalt wird und schließlich ihren Mann verlässt – schwanger von einem anderen, dem Mann, in den auch Elena seit ihrer Kindheit verliebt ist.

Das klingt fast schon nach Telenovela und tatsächlich tragen die spannenden Wendungen im Leben dieser beiden Frauen und ihrer Familien einiges dazu bei, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Aber das allein ist nicht das Faszinierende an der Geschichte. Es ist vielmehr diese detailreich geschilderte Innenwelt, die unter die Haut geht. Die dichte und lebendige Atmosphäre der neapolitanischen Lebenswelt, die einen glauben macht, das müsse einfach aus dem Leben gegriffen sein. Und vor allem ist es Ferrantes‘ Fähigkeit, individuelle menschliche Schicksale geschickt mit dem großen Ganzen zu verknüpfen: mit dem komplexen Wesen der Freundschaft, mit der Bedeutung von Herkunft und Bildung, mit Ehe, Sexualität, Mutterschaft und nicht zuletzt mit der Zeitgeschichte der 50er, 60er und 70er Jahren – mit dem gesellschaftlichen Umbruch, der vor allem für Frauen mit einer Zerrissenheit zwischen traditionellen und modernen Werten einherging, die bis heute fortbesteht. Weiterlesen „Elena Ferrantes Neapolitanische Saga Band 1-3“

Netflix: Gypsy – eine feministische Serie?

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(c) Netflix

Wer bei Gypsy, der von Netflix als Psychothriller verkauften Naomi Watts Serie, Nervenkitzel erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht werden. Denn dabei zuzusehen, wie Naomi Watts eine frustrierte Vorstadt-Ehefrau spielt, die als Therapeutin die Distanz zu ihren Patienten verliert, dürfte wohl kaum als Psychothriller durchgehen. Dafür passiert hier entschieden zu wenig – wenn man einmal von den allzu sehr gewollten Fummelszenen absieht (Fifty Shades Regisseurin Sam Taylor-Wood war am Werk).

Nichtsdestotrotz gibt die Serie einige interessante Denkanstöße. Denn womit kämpft die Hauptfigur denn im Grunde die ganze Zeit? Mit der sozialen Rolle, die ihr als Ehefrau und Mutter automatisch zugeschrieben wird, selbst wenn ihre Persönlichkeit mit dieser Rolle nicht kompatibel ist. Und so erscheint hier der Versuch, sich trotz Ehe und Kind ,,nicht selbst zu verlieren“ als pathologisch. Naomi Watts verstrickt sich in ein vermeintlich zerstörerisches Doppelleben. Weiterlesen „Netflix: Gypsy – eine feministische Serie?“

The Affair – Staffel 3

Jeder lebt in seiner eigenen Version der Wahrheit. (Juliette, The Affair)

Diese Erkenntnis wird dem Zuschauer in der 3. Staffel von The Affair einmal mehr sehr eindringlich vor Augen geführt, und zwar plastischer denn je, in Gestalt eines fettleibigen, äußerst fiesen Brendan Fraser.

Es ist kein Zufall, dass diese Worte zu Beginn der Staffel ausgerechnet von der Neuen ausgesprochen werden: Juliette (Iréne Jacob), eine Gastdozentin der Mediävistik aus Paris, die der frisch aus der Haft entlassene Noah an seinem neuen Arbeitsplatz kennenlernt. Juliette bringt in dieser Staffel eine Menge Licht ins Dunkel und bildet eine wichtige Klammer. Zu Beginn rettet sie Noah das Leben. Am Ende führt ihre ganz eigene Geschichte um Liebe und Tod indirekt dazu, dass Noah endlich mit der Vergangenheit abschließen kann.

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Arno Geiger: Alles über Sally

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Quelle: Hanser

Nachdem Arno Geiger in Es geht uns gut auf so beeindruckende Weise das traurigschöne Wesen der Familie offenbart hat, knöpft er sich in seinem Folgeroman Alles über Sally (2010) das Konzept der Ehe vor. Was bedeutet Ehe in einer Zeit, in der Ehebruch längst kein gesellschaftliches Tabu mehr ist und Lebensabschnittsgefährte an die Stelle lebenslanger Partnerschaften treten?

Bereits in Es geht uns gut sind Ehe und Treue ein entscheidendes Thema. In Alles über Sally zoomt Geiger noch näher an diese Thematik heran. Vielleicht schien es mir deshalb beim Lesen so, als würde ich die Charaktere bereits kennen, als wäre Sally eine alternative Version von Alma, der Figur, die in Geigers Familienepos still die Eskapaden ihres dominanten Ehemanns erduldet und die nun ins Gegenteil verkehrt wird. Vielleicht war ich auch deshalb, ähnlich wie zuletzt bei  Julia Francks Rücken an Rücken, enttäuscht von diesem Roman – die Erwartungen waren einfach zu hoch. Alles über Sally ist ein Versuch, das Wesen der Ehe zu erfassen, der letztendlich an seiner Hauptfigur scheitert.

Worum es geht

Sally und Alfred sind seit über 30 Jahren zusammen. Sie sind verheiratet, haben drei beinahe erwachsene Kinder und ein nettes Haus in einem Wiener Vorort. Sally ist Lehrerin, Alfred Angestellter im Museum. Eigentlich geht es ihnen gut. Doch Sally ist rastlos und zunehmend genervt von Alfred, „dem lebenden Beweis dafür, dass allzu viel Museumsluft träge und weltfremd macht“. Während er sich damit begnügt, jeden Abend gemütlich auf der Couch zu verbringen und akribisch über seine Wehwechen Buch zu führen, zieht es Sally in die Welt hinaus. Vorzugsweise in die Arme fremder Männer, die wieder Aufregung in ihr Leben bringen und ihr Selbstwertgefühl steigern sollen. Sally hält sich nämlich für eine attraktive Frau und hat dementsprechend, wie es so typisch ist, Angst davor, mit zunehmendem Alter unsichtbar für die Männerwelt zu werden. Außerdem ist sie bei einem strengen Großvater aufgewachsen und schleppt seit jeher Komplexe mit sich herum, die sie durch Affären zu kompensieren versucht. Während Alfred sich immer genüsslicher dem Älterwerden hingibt, beginnt Sally eine Affäre mit seinem besten Freund. Weiterlesen „Arno Geiger: Alles über Sally“

Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

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Ist es die Schuld der Eltern, wenn das Kind Amok läuft? Wird ein Mensch bösartig geboren oder ist es das Umfeld, das ihn dazu macht? Diese Frage wurde wahrscheinlich selten so drastisch gestellt wie im Roman Wir müssen über Kevin reden (We need to talk about Kevin, 2003) von Lionel Shriver.

Bei mir persönlich, die ich vor nicht allzu langer Zeit selbst Mama geworden bin, hat dieses Thema jedenfalls einen Nerv getroffen und mich so beschäftigt, dass ich mir gleich die Verfilmung zum Roman ansehen musste. Nicht weil mein Kind so böse ist, ganz im Gegenteil, halte ich meine Tochter natürlich für das liebste und süßeste Geschöpf der Welt – nach der Lektüre dieses Romans umso mehr – aber hätte ich theoretisch auch ein Kind bekommen können, das ich nicht mag, so wie es Eva in Wir müssen über Kevin reden ergangen ist? Die Antwort auf diese Frage ist eine gewaltige Grundsatzdiskussion, was diesen Roman zu mehr macht als einem fesselnden Psychothriller, der stellenweise an Horror grenzt.

Worum es geht

Wenige Tage vor seinem 16. Geburtstag wird Kevin zum Amokläufer und tötet 9 Menschen an seiner High-School. Im Fokus des Romans steht jedoch nicht Kevin selbst, sondern seine Mutter Eva, die etwa zwei Jahre später in Form von Briefen an ihren abwesenden Ehemann Franklin versucht, das Geschehene aufzuarbeiten. Sie erzählt, wie es ihr als Ausgestoßene in der Gesellschaft ergeht, rekonstruiert das Leben mit Kevin und fragt sich immer wieder, warum? Wie konnte es soweit kommen und was hätte sie als Mutter anders machen können? Weiterlesen „Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden“