Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel

Buchcover: Schau heimwärts, Engel von Thomas Wolfe
(c) Manesse

Mit niemandem geht man so hart ins Gericht wie mit der eigenen Familie. Diese Erkenntnis bleibt mir von Thomas Wolfes Schau heimwärts, Engel (1929) erhalten. Der amerikanische Klassiker verwendet über 700 Seiten darauf, die Charakterfehler und Schwächen einer Familie breitzutreten. Das jedoch in so epischer Größe, das sich ganz nebenbei ein vielstimmiges Südstaaten-Kolorit aus der Zeit zwischen dem amerikanischem Bürgerkrieg und dem erstem Weltkrieg entfaltet.

Dieser epischen Größe und dem amerikanischen Wild-Western-Flair ist es zu verdanken, dass ich dran geblieben bin an dieser dann doch für meinen Geschmack zu pathetischen Geschichte einer Kindheit und Jugend, die wohl nicht zufällig an Wolfes eigene Biografie erinnert. Schau heimwärts, Engel, den er mit 29 Jahren veröffentliche, blieb der einzige Roman des mit 38 verstorbenen Autors. Allein schon deshalb schindet dieses Buch enormen Eindruck.

Und er dachte an die seltsamen verlorenen Gesichter, die er gekannt hatte, die einsamen Gestalten seiner Verwandten, Verdammte im Chaos, alle an ein Schicksal des Untergangs und Verlusts gekettet – Gant, ein gefallener Titan, der in die endlosen Fluchten der Vergangenheit hinabstarrte und der Welt um sich herum nicht achtete; Eliza, die nach Käferart in blindem Sammeleifer herumkrabbelte; Helen ohne Kind, ohne Ziel und voller Zorn – eine mächtige Welle, die an öde Gestade schlug; schließlich Ben – der Geist, der Fremde, der in diesem Augenblick durch eine andere Stadt streifte, die tausend Straßen des Lebens auf und ab ging und keine Türen fand.

Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel
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Horrorctober: Stephen Kings Es

Lesen im Herbstlaub: Stephen Kings Es

Obwohl ich mich jedes Jahr wieder auf Halloween freue, muss ich auch immer wieder feststellen, dass mein zartes Gemüt sich für das Horror-Genre wenig eignet. Das Leben ist schon aufregend genug, da braucht es kein zusätzliches Adrenalin, um mich nachts wach zu halten. Ich bin auch nicht jemand, der Bungeejumping für eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung hält. Aber wenn da schon ein 1500 Seiten starker Roman darauf wartet, gelesen zu werden – Stichpunkt zweifelhafte Buchgeschenke – dann lässt mir das einfach keine Ruhe.

Zumal es sich bei Stephen Kings Es (1986) um einen Klassiker seines Genres handelt, der so häufig zitiert wird, dass er mittlerweile zum allgemeinen Kulturgut gehört. Dieser goldene Oktober schien mir ein guter Zeitpunkt, um nähere Bekanntschaft mit dem berühmten Horror-Clown zu machen.

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Günter Grass: Die Blechtrommel

Buchcover zu Günther Grass Die Blechtrommel
(c) dtv

Was habe ich mich gequält durch die 779 Seiten dieses nie enden wollenden, absurden Mammut-Romans. Nur um am Ende sagen zu können: Ich habe Die Blechtrommel (1959) gelesen. Hat es sich gelohnt? Das versuche ich gerade herauszufinden. Was ich daraus gelernt habe? Mir muss nicht alles gefallen. Nobelpreis für Literatur hin oder her. Denn tatsächlich ist Günter Grass‘ Blechtrommel alles andere als ein Lesegenuss. Schon allein deshalb, weil der Roman einen ziemlich ekligen Nachgeschmack hinterlässt.

Eklig im wahrsten Sinne des Wortes, denn Grass scheint wirklich einen Fetisch für den Ekel zu haben. Seitenlange Passagen über Aale in Pferdeköpfen, die Mutter, die sich mit Fisch zu Tode frisst, geteilte Waldmeister-Spucke als Liebesritual oder Nudelgerichte, die im immer selben Wasser gekocht und in verkrusteten, schmierigen Tellern serviert werden. Solche Details sind es, die Deutschlands großem Nachkriegsliteraten am meisten Spaß zu machen scheinen. Und ich habe nicht herausfinden können, was er damit bezwecken will.

Vielleicht möchte er damit beim Leser den gleichen Lebensekel erwecken, wie ihn seine Hauptfigur Oskar von Geburt an empfindet. Einen Ekel vor dem biedermeierlichen Leben in diesem katastrophalen Jahrhundert. Einen Ekel, der so groß ist, dass Oskar an seinem dritten Geburtstag beschließt, nicht mehr weiter zu wachsen und von nun an nur noch per Blechtrommel mit seiner Umwelt kommuniziert.

Die Blechtrommel ist Oskars Lebensbericht, ein über 30 Jahre umfassender Bericht, der nicht nur seine Familiengeschichte, sondern auch die deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichte und die Geschichte der Stadt Danzig mit einschließt. Ein großer Roman mit unerschöpflichem Interpretationspotenzial, wie für Germanistik-Seminare geschaffen. Muss man ihn deswegen mögen?

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Jane Austen: Überredung / Anne Elliot

Jane Austen Überredung Reclam Buchcover
(c) Reclam

Zwei verschiedene Titel, ein und derselbe Roman. Wie ich peinlicherweise feststellen musste, nachdem ich auf der Suche nach der deutschen Ausgabe von Jane Austens Persuasion (1817) nicht nur Überredung, sondern auch Anne Elliot mit nach Hause brachte. Kannte ich schließlich beide noch nicht. Je mehr Jane Austen zu den Feiertagen, desto besser. Autsch. Böser Fauxpas. Auch wenn ich der Meinung bin, dass die Übersetzer zumindest was den Titel betrifft, einen Konsens finden sollten.

Hätte ich mehr Ahnung gehabt, hätte ich natürlich gewusst, dass es sich bei Überredung und Anne Elliot nur um ein und denselben Roman handeln kann. Denn Anne Elliot ist die Hauptprotagonistin von Persuasion (einigen wir uns mal darauf). Die Elisabeth, die Emma dieser Aschenputtel-Story. Mit dem Unterschied, dass Anne kein junges, stolzes Mädchen ist, sondern 27 Jahre alt. Und damit im alten England schon auf dem Abstellgleis, eine alte Jungfer, deren Schönheit bereits verwelkt ist, wie es hier so nüchtern heißt. Letzte Chance für Anne also, die Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen und ihrer lieblosen Familie durch eine Heirat den Rücken zu kehren – dem selbstverliebten Vater, der die adlige Familie mit seiner Verschwendungssucht in den Ruin treibt und den zwei hochnäsigen Schwestern, die Anne wie eine Hausangestellte behandeln.

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Der September in Filmen

Der Herbst war schneller da als erwartet und mit ihm das Bedürfnis, sich einzuigeln. Wenn nicht gerade eine Folge Mad Men (aktuell Staffel 4 und es ist die pure Freude), musste es ein zur Stimmung passender Film sein. Ein paar Filme sind im September also zusammengekommen: ein Filmklassiker aus den 70ern, was fürs Herz, zwei Blödelfilme für die kopflose Unterhaltung, zwei bewegende Musiker-Dokus und neben Berlin Syndrom sogar noch ein weiterer aktueller Film, der obwohl vielversprechend, leider ein Reinfall war.

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Tuesday Nights in 1980 / Meister und Margarita: Literatur oder Unterhaltung…

Literatur oder Unterhaltung? Diese Frage führt selten zu einer zufriedenstellenden Antwort und sollte eigentlich gar nicht erst gestellt werden. Doch manchmal drängt sich der Vergleich einfach auf. So wie neulich, als mich in der Bibliothek meines Vertrauens ein Roman aus der Unterhaltungsabteilung anlachte: Tuesday Nights in 1980 von Molly Prentiss, ein Debüt das 2016 erschien. Um die New Yorker Kunstszene der 80er Jahre sollte es hier gehen, um eine Stadt im Umbruch, um ein Beziehungsgeflecht zwischen unterschiedlichsten Menschen, mit Bezug zur Militärdiktatur in Argentinien. Wie kann es sein, dass ein Roman mit solch bedeutungsschwangeren Themen nicht in der ,,Amerikansichen Literatur“ sondern hier in der ,,Unterhaltung“ neben Ildiko von Kürthy und Co. zu finden ist, dachte ich. Wer entscheidet überhaupt, welches Buch wo zu stehen hat?

Nun, nachdem ich Tuesday Nights in 1980 gelesen habe, wird mir der Unterschied zwischen Literatur und Unterhaltung ein weiteres Mal bewusst. Nicht die Relevanz und Bedeutungsschwere eines Themas entscheiden darüber, ob ein Autor Literatur schafft, sondern die darin enthaltene Aussage. Irgendeine Art von Erkenntnis, die Eindruck hinterlässt. Nichts davon ist bei Molly Prentiss zu finden. Wiederum andere Romane, die zur Weltliteratur zählen, wie etwa Bulgakows Meister und Margarita kränkeln daran, dass sie einfach zu sehr mit Aussage aufgeladen sind. Weiterlesen „Tuesday Nights in 1980 / Meister und Margarita: Literatur oder Unterhaltung…“

F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby

Gatsby glaubte an das grüne Licht, an die orgastische Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Auch damals entzog sie sich uns, aber darauf kommt es nicht an – morgen laufen wir schneller und strecken die Arme weiter aus…Und eines schönen Morgens…

So stemmen wir uns voran, in Booten gegen den Strom, und werden doch immer wieder zurückgeworfen ins Vergangene.

F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby

Was für ein phänomenaler letzter Satz für einen Roman. Sätze wie diese, von einer so poetischen Wucht, machen es unmöglich, F. Scott Fitzgerald nicht zu mögen. Auch wenn er als Schriftstellerpersönlichkeit auf mich eher unsympathisch wirkt, zumindest aus feministischer Perspektive. Genau wie Hemingway repräsentiert auch er diesen arrogant zur Schau getragenen männlichen Egozentrismus, neben dem es die Frau nur als labiles Ding, hübsches Beiwerk oder Sehnsuchtsobjekt eines Mannes geben kann.

Das ist auch schon der einzige Kritikpunkt, den ich an diesem ansonsten großen Roman habe. Denn zum Glück ist das nur eine von vielen Ebenen, die Der grosse Gatsby (1925) aufmacht. Im Zentrum dieser vermeintlichen Liebesgeschichte im New York der Roaring Twenties steht nicht so sehr die Beziehung Gatsbys zu seiner angebeteten Daisy, sondern vielmehr das verzweifelte Streben eines Mannes danach, einem Ideal zu entsprechen, das nicht existiert. Das grüne Licht als Symbol all dessen, was unerreichbar bleibt, so sehr man auch danach greift. Weil man mit Geld nicht ändern kann, wer man ist, weil man die Vergangenheit nicht ändern kann. Und weil das, wonach man strebt, nur eine verkommene Illusion ist. Eine unerhörte Absage an den American Dream, laut dem doch angeblich alles möglich ist.

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