Günter Grass: Die Blechtrommel

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Was habe ich mich gequält durch die 779 Seiten dieses nie enden wollenden, absurden Mammut-Romans. Nur um am Ende sagen zu können: Ich habe Die Blechtrommel (1959) gelesen. Hat es sich gelohnt? Das versuche ich gerade herauszufinden. Was ich daraus gelernt habe? Mir muss nicht alles gefallen. Nobelpreis für Literatur hin oder her. Denn tatsächlich ist Günter Grass‘ Blechtrommel alles andere als ein Lesegenuss. Schon allein deshalb, weil der Roman einen ziemlich ekligen Nachgeschmack hinterlässt.

Eklig im wahrsten Sinne des Wortes, denn Grass scheint wirklich einen Fetisch für den Ekel zu haben. Seitenlange Passagen über Aale in Pferdeköpfen, die Mutter, die sich mit Fisch zu Tode frisst, geteilte Waldmeister-Spucke als Liebesritual oder Nudelgerichte, die im immer selben Wasser gekocht und in verkrusteten, schmierigen Tellern serviert werden. Solche Details sind es, die Deutschlands großem Nachkriegsliteraten am meisten Spaß zu machen scheinen. Und ich habe nicht herausfinden können, was er damit bezwecken will.

Vielleicht möchte er damit beim Leser den gleichen Lebensekel erwecken, wie ihn seine Hauptfigur Oskar von Geburt an empfindet. Einen Ekel vor dem biedermeierlichen Leben in diesem katastrophalen Jahrhundert. Einen Ekel, der so groß ist, dass Oskar an seinem dritten Geburtstag beschließt, nicht mehr weiter zu wachsen und von nun an nur noch per Blechtrommel mit seiner Umwelt kommuniziert.

Die Blechtrommel ist Oskars Lebensbericht, ein über 30 Jahre umfassender Bericht, der nicht nur seine Familiengeschichte, sondern auch die deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichte und die Geschichte der Stadt Danzig mit einschließt. Ein großer Roman mit unerschöpflichem Interpretationspotenzial, wie für Germanistik-Seminare geschaffen. Muss man ihn deswegen mögen? Weiterlesen „Günter Grass: Die Blechtrommel“

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Jane Austen: Überredung / Anne Elliot

Jane Austen Überredung Reclam Buchcover
(c) Reclam

Zwei verschiedene Titel, ein und derselbe Roman. Wie ich peinlicherweise feststellen musste, nachdem ich auf der Suche nach der deutschen Ausgabe von Jane Austens Persuasion (1817) nicht nur Überredung, sondern auch Anne Elliot mit nach Hause brachte. Kannte ich schließlich beide noch nicht. Je mehr Jane Austen zu den Feiertagen, desto besser. Autsch. Böser Fauxpas. Auch wenn ich der Meinung bin, dass die Übersetzer zumindest was den Titel betrifft, einen Konsens finden sollten.

Hätte ich mehr Ahnung gehabt, hätte ich natürlich gewusst, dass es sich bei Überredung und Anne Elliot nur um ein und denselben Roman handeln kann. Denn Anne Elliot ist die Hauptprotagonistin von Persuasion (einigen wir uns mal darauf). Die Elisabeth, die Emma dieser Aschenputtel-Story. Mit dem Unterschied, dass Anne kein junges, stolzes Mädchen ist, sondern 27 Jahre alt. Und damit im alten England schon auf dem Abstellgleis, eine alte Jungfer, deren Schönheit bereits verwelkt ist, wie es hier so nüchtern heißt. Letzte Chance für Anne also, die Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen und ihrer lieblosen Familie durch eine Heirat den Rücken zu kehren – dem selbstverliebten Vater, der die adlige Familie mit seiner Verschwendungssucht in den Ruin treibt und den zwei hochnäsigen Schwestern, die Anne wie eine Hausangestellte behandeln. Weiterlesen „Jane Austen: Überredung / Anne Elliot“

Der September in Filmen

Der Herbst war schneller da als erwartet und mit ihm das Bedürfnis, sich einzuigeln. Wenn nicht gerade eine Folge Mad Men (aktuell Staffel 4 und es ist die pure Freude), musste es ein zur Stimmung passender Film sein. Ein paar Filme sind im September also zusammengekommen: ein Filmklassiker aus den 70ern, was fürs Herz, zwei Blödelfilme für die kopflose Unterhaltung, zwei bewegende Musiker-Dokus und neben Berlin Syndrom sogar noch ein weiterer aktueller Film, der obwohl vielversprechend, leider ein Reinfall war.

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Tuesday Nights in 1980 / Meister und Margarita: Literatur oder Unterhaltung…

Literatur oder Unterhaltung? Diese Frage führt selten zu einer zufriedenstellenden Antwort und sollte eigentlich gar nicht erst gestellt werden. Doch manchmal drängt sich der Vergleich einfach auf. So wie neulich, als mich in der Bibliothek meines Vertrauens ein Roman aus der Unterhaltungsabteilung anlachte: Tuesday Nights in 1980 von Molly Prentiss, ein Debüt das 2016 erschien. Um die New Yorker Kunstszene der 80er Jahre sollte es hier gehen, um eine Stadt im Umbruch, um ein Beziehungsgeflecht zwischen unterschiedlichsten Menschen, mit Bezug zur Militärdiktatur in Argentinien. Wie kann es sein, dass ein Roman mit solch bedeutungsschwangeren Themen nicht in der ,,Amerikansichen Literatur“ sondern hier in der ,,Unterhaltung“ neben Ildiko von Kürthy und Co. zu finden ist, dachte ich. Wer entscheidet überhaupt, welches Buch wo zu stehen hat?

Nun, nachdem ich Tuesday Nights in 1980 gelesen habe, wird mir der Unterschied zwischen Literatur und Unterhaltung ein weiteres Mal bewusst. Nicht die Relevanz und Bedeutungsschwere eines Themas entscheiden darüber, ob ein Autor Literatur schafft, sondern die darin enthaltene Aussage. Irgendeine Art von Erkenntnis, die Eindruck hinterlässt. Nichts davon ist bei Molly Prentiss zu finden. Wiederum andere Romane, die zur Weltliteratur zählen, wie etwa Bulgakows Meister und Margarita kränkeln daran, dass sie einfach zu sehr mit Aussage aufgeladen sind. Weiterlesen „Tuesday Nights in 1980 / Meister und Margarita: Literatur oder Unterhaltung…“

F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby

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(c) Suhrkamp / Insel

Gatsby glaubte an das grüne Licht, an die orgastische Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Auch damals entzog sie sich uns, aber darauf kommt es nicht an – morgen laufen wir schneller und strecken die Arme weiter aus…Und eines schönen Morgens…

So stemmen wir uns voran, in Booten gegen den Strom, und werden doch immer wieder zurückgeworfen ins Vergangene. (F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby)

Was für ein phänomenaler letzter Satz für einen Roman. Sätze wie diese, von einer so poetischen Wucht, machen es unmöglich, F. Scott Fitzgerald nicht zu mögen. Auch wenn er als Schriftstellerpersönlichkeit auf mich eher unsympathisch wirkt, zumindest aus feministischer Perspektive. Genau wie Hemingway repräsentiert auch er diesen arrogant zur Schau getragenen männlichen Egozentrismus, neben dem es die Frau nur als labiles Ding, hübsches Beiwerk oder Sehnsuchtsobjekt eines Mannes geben kann.

Das ist auch schon der einzige Kritikpunkt, den ich an diesem ansonsten großen Roman habe. Denn zum Glück ist das nur eine von vielen Ebenen, die Der grosse Gatsby (1925) aufmacht. Im Zentrum dieser vermeintlichen Liebesgeschichte im New York der Roaring Twenties steht nicht so sehr die Beziehung Gatsbys zu seiner angebeteten Daisy, sondern vielmehr das verzweifelte Streben eines Mannes danach, einem Ideal zu entsprechen, das nicht existiert. Das grüne Licht als Symbol all dessen, was unerreichbar bleibt, so sehr man auch danach greift. Weil man mit Geld nicht ändern kann, wer man ist, weil man die Vergangenheit nicht ändern kann. Und weil das, wonach man strebt, nur eine verkommene Illusion ist. Eine unerhörte Absage an den American Dream, laut dem doch angeblich alles möglich ist. Weiterlesen „F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby“

2001: Odyssee im Weltraum (1968)

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Endlich habe auch ich es geschafft, diese gewaltige Filmbildungslücke zu schließen, die sich 2001: Odyssee im Weltraum nennt. Zurecht ist Stanley Kubricks Sci-Fiction-Oper ein Klassiker, über den man heute noch spricht. Allerdings haben mich neuere Sci-Fiction-Filme á la Insterstellar (die sich natürlich auch an 2001 orientieren), so vorgeprägt, dass es mir bei diesem Klassiker von 1968 eindeutig an Spannung fehlte.

Ein Masterpiece der Filmkunst

Und so bin ich bei der Wertung dieses Films, der 2008 zum besten Sci-Fiction-Film aller Zeiten gewählt wurde, zwiegespalten zwischen objektiver und subjektiver Wahrnehmung. Ohne Frage ist dieser Film ein Geniestreich, der Filmstudenten zurecht als Musterbeispiel der Filmkunst vorgeführt wird. Allein diese gewaltige Musik-Bild-Komposition, die opernhafte Dimensionen annimmt, erscheint einmalig. Genau wie die geniale Idee, einen Sci-Fiction-Film mit der Geburtstunde der menschlichen Gewaltherrschaft beginnen zu lassen: bei den Menschenaffen, die entdecken, dass man einen Knochen auch als Waffe benutzen kann.

In einem der wohl berühmtesten Schnitte der Filmgeschichte (das durfte auch ich in einem Medienseminar lernen) folgen wir diesem in den Himmel geschleuderten Knochen und landen im Weltall, wo er Millionen Jahre später die Form eines Raumschiffes annimmt. Im Jahre 2001 haben die Menschen ihre Überlegenheit so weit ausgebaut, dass sie selbst den Weltraum beherrschen. Die Technik – das deutete die welterste Waffe bereits an – hat jedoch beträchtliche Schattenseiten. Die beklemmende Auseinandersetzung zwischen der Besatzung der Jupiter-Mission und dem Boardcomputer HAL zeigt: der Mensch hat seine Macht komplett an das Werkzeug / die Maschine abgetreten und ist nun kaum mehr als ihr Spielball. Weiterlesen „2001: Odyssee im Weltraum (1968)“

Die Reifeprüfung – Generationenclash im Schlafzimmer

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Es ist Mittwochabend. Bergfest. Ich habe Lust auf ein Glas Vino und einen Film, der mich über meinen Alltag erhebt. Únd auch ein bisschen meinen Horizont erweitert. Also greife ich wieder zu einem mir unbekannten Filmklassiker: Die Reifeprüfung (im Original: The Graduate) von 1967, einer Zeit, die so weit weg ist, dass allein schon die Requisiten und die ungewohnte Prüderie zum Faszinosum werden. Oder wo sieht man heute noch einen 21-jährigen, jungfräulichen College-Absolventen, der erstmal panisch die Gardinen zuziehen und das Licht ausmachen muss, bevor er sich von einer attraktiven älteren Frau verführen lässt?

Doch der Film ist über seine Zeit hinaus einfach fantastisch und es ist mir ein Rätsel, warum ich angesichts der allgegenwärtigen Mrs. Robinson Bezüge noch nie auf die Idee gekommen bin, ihn zu sehen. Wahrscheinlich bin ich gerade wegen dieser „MILF“ Anspielungen à la American Pie, davon ausgegangen, dass es sich dabei um einen Teenie-Klamauk handelt. Aber dem ist ganz und gar nicht so.

Worum es geht

Benjamin (Dustin Hoffmann, jung aber doch zu alt, um als 21 durchzugehen) hat gerade das College abgeschlossen und ist wieder bei seinen Eltern eingezogen, die mit ihm prahlen wie mit einem Pokal. Statt sich über seinen akademischen Erfolg zu freuen, verfällt er in eine Sinnkrise. Er weiß nicht, wie seine Zukunft aussehen soll, nur wie seine Eltern möchte er auf keinen Fall werden. Da macht die reife Mrs. Robinson (Anne Bancroft) – eine Freundin seiner Eltern – Ben ein umoralisches Angebot, das er nach ein paar Tagen Bedenkzeit nicht ablehnen kann.

Benjamin beginnt eine Affäre mit Mrs. Robinson, die hauptsächlich aus Rendezvous in dunklen Hotelzimmern besteht. Mrs. Robinson ist unkompliziert, sie möchte nicht reden. Benjamin ist für sie eine kleine Ablenkung von ihrem unbefriedigenden Vorstadtehefrauendasein. Ihre einzige Bedingung ist, dass Benjamin nicht mit Elaine (Katharine Ross) ausgeht, ihrer Tochter, die genau in seinem Alter ist und in Berkeley studiert. Ben verspricht es und verliebt sich doch auf den ersten Blick in Elaine, was Mrs. Robinson natürlich gar nicht gefällt. Das Drama nimmt seinen Lauf. Weiterlesen „Die Reifeprüfung – Generationenclash im Schlafzimmer“