T.C. Boyle: Die Terranauten

T.C. Boyle_Die Terranauten
(c) Hanser Literaturverlage

4 Frauen, 4 Männer – 2 Jahre zusammen eingeschlossen in einem ,,Megaterrarium“ mit künstlich geschaffener Biosphäre und ein paar Tieren zwecks Nahrungserzeugung. Nichts rein, nichts raus lautet das felsenfeste Motto dieses wissenschaftlichen Experiments, das für das Leben auf dem Mars vorbereiten soll, in diesem Roman von T.C. Boyle jedoch eher wie ein Reality TV-Format daherkommt. Ganz bewusst, könnte man meinen, widmet er sich in Die Terranauten (2017) mehr den kleinkarierten, menschlichen Rivalitäten als den großen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Und doch fragt man sich irgendwann leider: Besteht der Roman eigentlich nur aus heißer Luft?
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Holy mother!

Wenn sich eine weibliche Filmfigur in einem großen, abgeschiedenen Haus wiederfindet, geht das selten gut aus. Läuft der Gatte nicht gerade Amok, wird sie entweder von satanischen Mächten oder einem Serienkiller heimgesucht. Mit dieser Erwartung ging ich jedenfalls ins Kino, um mother! zu sehen, Darren Aronofskys neustes, als Psychothriller getarntes Meisterwerk mit Jennifer Lawrence und Javier Bardem in den Hauptrollen. Auf das, was ich dort tatsächlich zu sehen bekam, war ich nicht vorbereitet.

Die menschliche Schöpfungsgeschichte in der Nussschale, in einem viktorianischen Haus genau genommen, in dem ,,Er“, der geniale Dichter aka Schöpfer, mit ihr zusammenlebt, der ,,Mutter“, die sich verzweifelt bemüht, den Frieden im Haus aufrecht zu erhalten und doch nicht verhindern kann, dass Krieg und Chaos einziehen. Mother! gehört zu den Filmen, die man sofort ein zweites Mal sehen will, allein um die vielen Indizien für den allegorischen Deutungsansatz besser einordnen zu können. Weiterlesen „Holy mother!“

Elena Ferrantes Neapolitanische Saga Band 1-3

Nun hat es auch mich erwischt: das Ferrante-Fieber. Nachdem sich Meine geniale Freundin und Die Geschichte eines neuen Namens als Urlaubssuchtlektüre erwiesen hatten, konnte ich es kaum erwarten, mich zu Hause auf den neu erschienen 3. Band Die Geschichte der getrennten Wege zu stürzen. Jetzt fühle ich mich leer und verlassen, denn der vierte und letzte Band Die Geschichte des verlorenen Kindes erscheint erst nächstes Jahr, und das bei diesem unerhörten Cliffhanger. Warum macht diese selbsternannte Neapolitanische Saga bloß so süchtig? 

Die Bücher folgen den Lebenswegen zweier Freundinnen, Elena und Lila, die obwohl sie am gleichen Ausgangspunkt beginnen, sehr unterschiedlich verlaufen. Beide Mädchen wachsen im selben von Gewalt und Korruption durchdrungenen Armenviertel auf, beide sind außergewöhnlich intelligent. Doch während Elena – die Erzählerin der Geschichte – weiter zur Schule gehen darf, Schriftstellerin wird und in eine intellektuelle Familie einheiratet, wird Lila, der vermeintlich schöneren und begabteren von beiden, der Bildungsweg verwehrt und sie bleibt im Rione zurück, wo sie mit 16 heiratet, zum Opfer häuslicher Gewalt wird und schließlich ihren Mann verlässt – schwanger von einem anderen, dem Mann, in den auch Elena seit ihrer Kindheit verliebt ist.

Das klingt fast schon nach Telenovela und tatsächlich tragen die spannenden Wendungen im Leben dieser beiden Frauen und ihrer Familien einiges dazu bei, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Aber das allein ist nicht das Faszinierende an der Geschichte. Es ist vielmehr diese detailreich geschilderte Innenwelt, die unter die Haut geht. Die dichte und lebendige Atmosphäre der neapolitanischen Lebenswelt, die einen glauben macht, das müsse einfach aus dem Leben gegriffen sein. Und vor allem ist es Ferrantes‘ Fähigkeit, individuelle menschliche Schicksale geschickt mit dem großen Ganzen zu verknüpfen: mit dem komplexen Wesen der Freundschaft, mit der Bedeutung von Herkunft und Bildung, mit Ehe, Sexualität, Mutterschaft und nicht zuletzt mit der Zeitgeschichte der 50er, 60er und 70er Jahren – mit dem gesellschaftlichen Umbruch, der vor allem für Frauen mit einer Zerrissenheit zwischen traditionellen und modernen Werten einherging, die bis heute fortbesteht. Weiterlesen „Elena Ferrantes Neapolitanische Saga Band 1-3“

#Kinder: Liebe, lebenslänglich

Ab einem gewissen Alter ist das Kinderthema allgegenwärtig. Kaum ein Treffen mit Freundinnen, bei dem nicht darüber diskutiert wird, ob, wie und wann ein Kind in das eigene Leben passt. Für diejenigen, die noch kinderlos sind, ist es eine lebensverändernde Entscheidung, die wie ein Damoklesschwert über ihren Dreißigern hängt. Diejenigen, die den Sprung schon gewagt haben – da befinde ich mich in meinem Freundeskreis leider noch in der Minderheit – trauern auf der anderen Seite ein bisschen der verlorenen Flexibilität und den durchgefeierten oder zumindest durchgeschlafenen Nächten hinterher. Zwei Seiten, die einander bewundernd gegenüberstehen und doch nicht miteinander tauschen wollen. Denn eigentlich ist unser Problem nicht die Kinderfrage an sich, sondern vielmehr der größenwahnsinnige Wunsch, einfach alles auf einmal haben zu wollen. Nicht entweder oder, sondern das ganze Paket.

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Unter diesem Eindruck habe ich am vergangenen Osterwochenende, an dem der Wunsch nach Perfektion einmal mehr mit der virenverseuchten Wirklichkeit kollidierte, in Ursula von Arx‘ Liebe, lebenslänglich (2013) reingelesen. In 14 biografischen Porträts erzählen hier Eltern und Kinder, jeweils aus ihrer Sicht, von ihrer Beziehung zueinander und schildern, wie diese sie geprägt und beeinflusst hat. Da ist zum Beispiel eine Tochter, die auf die antiautoritäre Erziehung der Mutter mit Strenge reagiert, ein Sohn, der seine Mutter mit Missachtung straft, weil sie ihn zu ihrem einzigen Lebensinhalt machte, eine Mutter, die nicht fähig ist, ihre Tochter zu lieben oder das Kind einer vierköpfigen Lebensgemeinschaft, das sich schon im frühen Alter hin- und hergerissen fühlt.
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Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

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Ist es die Schuld der Eltern, wenn das Kind Amok läuft? Wird ein Mensch bösartig geboren oder ist es das Umfeld, das ihn dazu macht? Diese Frage wurde wahrscheinlich selten so drastisch gestellt wie im Roman Wir müssen über Kevin reden (We need to talk about Kevin, 2003) von Lionel Shriver.

Bei mir persönlich, die ich vor nicht allzu langer Zeit selbst Mama geworden bin, hat dieses Thema jedenfalls einen Nerv getroffen und mich so beschäftigt, dass ich mir gleich die Verfilmung zum Roman ansehen musste. Nicht weil mein Kind so böse ist, ganz im Gegenteil, halte ich meine Tochter natürlich für das liebste und süßeste Geschöpf der Welt – nach der Lektüre dieses Romans umso mehr – aber hätte ich theoretisch auch ein Kind bekommen können, das ich nicht mag, so wie es Eva in Wir müssen über Kevin reden ergangen ist? Die Antwort auf diese Frage ist eine gewaltige Grundsatzdiskussion, was diesen Roman zu mehr macht als einem fesselnden Psychothriller, der stellenweise an Horror grenzt.

Worum es geht

Wenige Tage vor seinem 16. Geburtstag wird Kevin zum Amokläufer und tötet 9 Menschen an seiner High-School. Im Fokus des Romans steht jedoch nicht Kevin selbst, sondern seine Mutter Eva, die etwa zwei Jahre später in Form von Briefen an ihren abwesenden Ehemann Franklin versucht, das Geschehene aufzuarbeiten. Sie erzählt, wie es ihr als Ausgestoßene in der Gesellschaft ergeht, rekonstruiert das Leben mit Kevin und fragt sich immer wieder, warum? Wie konnte es soweit kommen und was hätte sie als Mutter anders machen können? Weiterlesen „Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden“

Tallulah – wie Juno, nur ganz anders

Es scheint als habe Netflix sich darauf spezialisiert, beliebte Formate wieder aufleben zu lassen. Full House, Scream, die Gilmore Girls und nun Tallulah – ein Film, bei dem die Erfolgsformel von Juno zum Einsatz kommt, einem der erfolgreichsten Filme 2007. Laut dieser Formel nehme man also die wunderbare Ellen Page und lasse sie einen erfrischenden, unkonventionellen Charakter verkörpern. Als Konterpart setze man ihr die etwas verstockt wirkende, aber witzige Allison Janney entgegen und füge noch das Thema Mutterschaft und oder ein Baby hinzu. Fertig ist ein Film, der es schafft, sowohl anrührend und dramatisch als auch witzig und leicht zu sein. Weil ich Juno so liebe, war ich sehr gespannt darauf, was mich bei Tallulah erwartet.

 Worum es geht

Tallulah (Ellen Page) ist ein freiheitsliebendes, wildes Mädchen, das in frühen Jahren von ihrer Mutter ausgesetzt wurde. Sie zieht in ihrem zugemüllten Van von Ort zu Ort und hält sich mit kleinen Diebstählen über Wasser. Als ihr Freund sie verlässt, weil er dieses Vagabundenleben nicht länger mitmachen will, folgt sie ihm nach New York. In einem Hotel, wo sie sich am Essen der Gäste bedient, stolpert sie zufällig in das Zimmer von Carolyn (Tammy Blanchard), einer zugedröhnten High-Society-Tussi, die mit ihrer etwa einjährigen Tochter vollkommen überfordert ist. Statt sich um das Kind zu kümmern, interessiert sie sich nur für ihr Äußeres und dafür, ob sie von ihrem Date am Abend flach gelegt wird oder nicht. Froh das Baby für einen Abend los zu sein, lässt sie es einfach bei Tallulah, die sich eher widerwillig darum kümmert. Später am Abend kehrt sie volltrunken zurück, nur um bewusstlos ins Bett zu fallen. Tallulah fackelt nicht lange und nimmt das schreiende Kind kurzerhand mit. Weiterlesen „Tallulah – wie Juno, nur ganz anders“