#Kinder: Liebe, lebenslänglich

Ab einem gewissen Alter ist das Kinderthema allgegenwärtig. Kaum ein Treffen mit Freundinnen, bei dem nicht darüber diskutiert wird, ob, wie und wann ein Kind in das eigene Leben passt. Für diejenigen, die noch kinderlos sind, ist es eine lebensverändernde Entscheidung, die wie ein Damoklesschwert über ihren Dreißigern hängt. Diejenigen, die den Sprung schon gewagt haben – da befinde ich mich in meinem Freundeskreis leider noch in der Minderheit – trauern auf der anderen Seite ein bisschen der verlorenen Flexibilität und den durchgefeierten oder zumindest durchgeschlafenen Nächten hinterher. Zwei Seiten, die einander bewundernd gegenüberstehen und doch nicht miteinander tauschen wollen. Denn eigentlich ist unser Problem nicht die Kinderfrage an sich, sondern vielmehr der größenwahnsinnige Wunsch, einfach alles auf einmal haben zu wollen. Nicht entweder oder, sondern das ganze Paket.

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Unter diesem Eindruck habe ich am vergangenen Osterwochenende, an dem der Wunsch nach Perfektion einmal mehr mit der virenverseuchten Wirklichkeit kollidierte, in Ursula von Arx‘ Liebe, lebenslänglich (2013) reingelesen. In 14 biografischen Porträts erzählen hier Eltern und Kinder, jeweils aus ihrer Sicht, von ihrer Beziehung zueinander und schildern, wie diese sie geprägt und beeinflusst hat. Da ist zum Beispiel eine Tochter, die auf die antiautoritäre Erziehung der Mutter mit Strenge reagiert, ein Sohn, der seine Mutter mit Missachtung straft, weil sie ihn zu ihrem einzigen Lebensinhalt machte, eine Mutter, die nicht fähig ist, ihre Tochter zu lieben oder das Kind einer vierköpfigen Lebensgemeinschaft, das sich schon im frühen Alter hin- und hergerissen fühlt.
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Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

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Ist es die Schuld der Eltern, wenn das Kind Amok läuft? Wird ein Mensch bösartig geboren oder ist es das Umfeld, das ihn dazu macht? Diese Frage wurde wahrscheinlich selten so drastisch gestellt wie im Roman Wir müssen über Kevin reden (We need to talk about Kevin, 2003) von Lionel Shriver.

Bei mir persönlich, die ich vor nicht allzu langer Zeit selbst Mama geworden bin, hat dieses Thema jedenfalls einen Nerv getroffen und mich so beschäftigt, dass ich mir gleich die Verfilmung zum Roman ansehen musste. Nicht weil mein Kind so böse ist, ganz im Gegenteil, halte ich meine Tochter natürlich für das liebste und süßeste Geschöpf der Welt – nach der Lektüre dieses Romans umso mehr – aber hätte ich theoretisch auch ein Kind bekommen können, das ich nicht mag, so wie es Eva in Wir müssen über Kevin reden ergangen ist? Die Antwort auf diese Frage ist eine gewaltige Grundsatzdiskussion, was diesen Roman zu mehr macht als einem fesselnden Psychothriller, der stellenweise an Horror grenzt.

Worum es geht

Wenige Tage vor seinem 16. Geburtstag wird Kevin zum Amokläufer und tötet 9 Menschen an seiner High-School. Im Fokus des Romans steht jedoch nicht Kevin selbst, sondern seine Mutter Eva, die etwa zwei Jahre später in Form von Briefen an ihren abwesenden Ehemann Franklin versucht, das Geschehene aufzuarbeiten. Sie erzählt, wie es ihr als Ausgestoßene in der Gesellschaft ergeht, rekonstruiert das Leben mit Kevin und fragt sich immer wieder, warum? Wie konnte es soweit kommen und was hätte sie als Mutter anders machen können? Weiterlesen „Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden“

Tallulah – wie Juno, nur ganz anders

Es scheint als habe Netflix sich darauf spezialisiert, beliebte Formate wieder aufleben zu lassen. Full House, Scream, die Gilmore Girls und nun Tallulah – ein Film, bei dem die Erfolgsformel von Juno zum Einsatz kommt, einem der erfolgreichsten Filme 2007. Laut dieser Formel nehme man also die wunderbare Ellen Page und lasse sie einen erfrischenden, unkonventionellen Charakter verkörpern. Als Konterpart setze man ihr die etwas verstockt wirkende, aber witzige Allison Janney entgegen und füge noch das Thema Mutterschaft und oder ein Baby hinzu. Fertig ist ein Film, der es schafft, sowohl anrührend und dramatisch als auch witzig und leicht zu sein. Weil ich Juno so liebe, war ich sehr gespannt darauf, was mich bei Tallulah erwartet.

 Worum es geht

Tallulah (Ellen Page) ist ein freiheitsliebendes, wildes Mädchen, das in frühen Jahren von ihrer Mutter ausgesetzt wurde. Sie zieht in ihrem zugemüllten Van von Ort zu Ort und hält sich mit kleinen Diebstählen über Wasser. Als ihr Freund sie verlässt, weil er dieses Vagabundenleben nicht länger mitmachen will, folgt sie ihm nach New York. In einem Hotel, wo sie sich am Essen der Gäste bedient, stolpert sie zufällig in das Zimmer von Carolyn (Tammy Blanchard), einer zugedröhnten High-Society-Tussi, die mit ihrer etwa einjährigen Tochter vollkommen überfordert ist. Statt sich um das Kind zu kümmern, interessiert sie sich nur für ihr Äußeres und dafür, ob sie von ihrem Date am Abend flach gelegt wird oder nicht. Froh das Baby für einen Abend los zu sein, lässt sie es einfach bei Tallulah, die sich eher widerwillig darum kümmert. Später am Abend kehrt sie volltrunken zurück, nur um bewusstlos ins Bett zu fallen. Tallulah fackelt nicht lange und nimmt das schreiende Kind kurzerhand mit. Weiterlesen „Tallulah – wie Juno, nur ganz anders“