Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz

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(c) Kiepenheuer & Witsch

Was für ein Buch! Da erwartet man ein paar witzige, ironisch gebrochene Geschichten aus dem Unterhaltungsbetrieb in alter Stuckrad-Barre Manier und bekommt nichts weniger als eine Lebensbeichte. Die schonungslos ehrliche Autobiografie des deutschen Popliteraten par excellence, in der er die ironische Attitüde ablegt und uns sein Herz zu Füßen legt. Ein Herz, das vor allem für einen schlägt: Udo Lindenberg!

Mit Panikherz (2016) ist Benjamin von Stuckrad-Barre ein einzigartiges Buch gelungen: eines, in dem sein eigenes Leben sich wie ein spannender Roman liest, eines, in dem nicht nur die Abgründe einer Selbstzerstörung und der Versuch einer Selbstbesinnung reflektiert werden, sondern immer auch der Einfluss der Popkultur und ihrer Helden. Es ist die Geschichte einer lebenslangen Fanliebe, die mal mehr und mal weniger leitet, aber immer Halt gibt.

Seit Monaten versunken in meine Beschäftigung mit der Vergangenheit und ihrer Nachwirkung auf die Gegenwart, meiner schon wieder völlig ausufernden RECHERCHE DU TEMPS PERDU über die Bedeutung von Musik für die eigene Biographie, über das Älterwerden mit der Musik und die unausweichliche Frage, was schlechter altert, man selbst oder die mit der eigenen Jugend verbundene Musik – und bin also: ein Mann der Vergangenheit. Und habe nichts im Kopf als alte Udo-Lieder. (B. v. Stuckrad-Barre: Panikherz)

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Sarah Kuttner: 180° Meer

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Copyright by S. Fischer Verlag

Ich mag Sarah Kuttner, die Medienperson, nicht besonders. Schon damals bei Viva redete sie mir einfach viel zu viel, und war dabei auf eine Art selbstverliebt, die ich schlicht unsympathisch fand. Trotzdem komme ich nicht umhin, jeden ihrer Romane zu lesen. Vielleicht weil ihre Erzählerstimme mich irgendwie an eine Freundin erinnert, die ich mal hatte (die Sarah Kuttner selbstverständlich ganz toll fand), vielleicht aber auch aus den gleichen niederen Beweggründen, aus denen man auch schon mal in den Bachelor reinzappt: weil es manchmal Spaß macht, sich über Dinge aufzuregen, die man schlimm findet. Doch dieser Vergleich ist mehr als unfair, denn Kuttners jüngster Roman 180° Meer (2016) hat mit dem Bachelor rein gar nichts gemein. Tatsächlich fand ich ihn sogar besser als Mängelexemplar (2009) oder Wachstumsschmerz (2011). Warum ich dennoch die literaturwissenschaftliche Todsünde begehe und die Autorin mit dem Erzähler gleichsetze?
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Thomas Glavinic: Wie man leben soll

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Mädchen, Musik und die Mühen des Erwachsenwerdens. Wie man leben soll (2004) von Thomas Glavinic ist ein herrliches Stück Popliteratur, das sich selbst nicht so ernst nimmt und damit das Genre humoristisch konterkariert. Einen richtigen Spannungsbogen gibt es nicht, vielmehr folgt eine Episode aus dem Leben des kauzigen Charlie der nächsten. Dabei ist der Roman, wie der Titel erahnen lässt, konsequent im Stil eines Ratgebers verfasst, und liefert so absurd-witzige Erkenntnisse aus dem Leben, dass man sich am Ende sicher ist: so soll man ganz bestimmt nicht leben.

Worum es geht

Der junge Österreicher Karl Kolostrum, kurz Charlie, ist stark übergewichtig und im Allgemeinen mit sich selbst und seinem Leben unzufrieden. Er bzw. man wäre gern ein Draufgänger, ein Rockstar, dem die Frauen zu Füßen liegen. Stattdessen ist man verunsichert, kriegt nur Mädchen ab, die ähnlich unattraktiv sind wie man selbst und muss in der Ratgeberliteratur über sich lesen, man sei ein ,,Sitzer“. Jemand der nie aufbegehrt, alles bloß hinnimmt und ja alles tut, um von jedermann gemocht zu werden. Weiterlesen „Thomas Glavinic: Wie man leben soll“