Juli Zeh: Unterleuten

Unterleuten von Juli Zeh
(c) btb

Obwohl Unterleuten keine hundert Kilometer von Berlin entfernt lag, hätte es sich in sozialanthropologischer Hinsicht genauso gut auf der anderen Seite des Planeten befinden können. Unbemerkt von Politik, Presse und Wissenschaft existierte hier eine halb-anarchische, fast komplett auf sich gestellte Lebensform, eine Art vorstaatlicher Tauschgesellschaft, unfreiwillig subversiv, fernab vom Zugriff des Staates, vergessen, missachtet und deshalb auf seltsame Weise frei. (Juli Zeh: Unterleuten)

Unterleuten, das ist das 200-Seelen-Dorf in Brandenburg, um das es in Juli Zehs Roman geht. Hier treffen Zugezogene auf Alteingesessene, einfache Dörfler auf politisch korrekte Ex-Großstädter, Traditions- auf Fortschrittswillen. Als hier plötzlich auch noch Windräder errichtet werden sollen, wird die ohnehin schon gespaltene Dorfgemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Es scheint, als verdichteten sich in Unterleuten die gesellschaftlichen Konflikte unserer Zeit.

Das Jahr ist noch so jung und schon könnte es sein, dass ich mein Buch des Jahres gefunden haben. Juli Zehs Unterleuten (2016) hat mich so begeistert wie lange kein Roman mehr. Warum? Weil er klug und komplex ist und dabei auf keiner Seite an Spannung verliert. Weil er vor bitterbösem Sarkasmus strotzt und seinen Protagonisten dennoch liebevoll begegnet. Weil er es schafft, die Stimmung eines Landes und seiner Typen auf ein Dorf herunterzubrechen. Ein großer Gesellschaftsroman, keine Frage, und zugleich ein „Thriller unserer Zeit“, wie ausgerechnet Martin Schulz in der FAZ schreibt, wo er das Buch vor dem Wahlkampf als sein aktuelles Lieblingsbuch präsentierte. Davon sollte man sich jetzt aber nicht abschrecken lassen. Weiterlesen „Juli Zeh: Unterleuten“

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Über das Leben im Sozialismus: Gelesen im Dezember

img_20170102_205025Wie der Zufall es wollte, war mein Lese-Dezember geprägt von der literarischen Auseinandersetzung mit der DDR bzw. der deutschen Teilung. Beginnend mit der Nacht des Mauerfalls, die Thomas Hettche in Nox (1995) als barbarische Orgie inszeniert über Julia Francks Roman Rücken an Rücken (2011), in dem zwei Geschwister an der Unmenschlichkeit des sozialistischen Systems zugrundegehen bis hin zu Marion Braschs autobiografischem Roman Ab jetzt ist Ruhe (2012), in dem sie sehr humorvoll von ihrer Kindheit und Jugend in der DDR inmitten ihrer „fabelhaften Familie“ erzählt. Vom Vater, dem hohem Parteifunktionär und stellvertretenden Kulturminister, dessen Idealismus auf eine harte Probe gestellt wird, von der Mutter, die der Tristesse mit Humor begegnet und den drei Brüdern, die in der Kunst eine Zuflucht suchen und sich damit gegen den linientreuen Vater wenden (Marion Braschs Brüder sind die Schriftsteller Peter und Thomas Brasch sowie der Schauspieler Klaus Brasch). Weiterlesen „Über das Leben im Sozialismus: Gelesen im Dezember“

Julia Franck: Rücken an Rücken

julia-franck-ruecken-an-rueckenEs muss schwer sein, die Autorin eines internationalen Bestsellers und Trägerin des Deutschen Buchpreises zu sein. Wie soll man einem solchen Erfolg in zukünftigen Arbeiten gerecht werden? Ich jedenfalls konnte nicht umhin, große Erwartungen an Julia Francks Rücken an Rücken (2011) zu haben, dem Nachfolger von Die Mittagsfrau (2007), einem Buch, das wohl nicht nur mich begeistert hat.

Natürlich sind solch hohe Erwartungen oder gar Vergleiche der beiden Romane miteinander unfair, aber Julia Franck scheint es förmlich darauf anzulegen. Auch Rücken an Rücken ist ein Roman, der das Leben eines inniges Geschwisterpaares zum Thema hat und sich dabei mit deutscher Geschichte auseinandersetzt – nach der NS-Zeit nun die DDR kurz vor dem Mauerbau. Auch in Rücken an Rücken machen wir die Bekanntschaft mit einer Mutter, die Gefühle nicht gelten lässt und ihre Kinder mit eisiger Strenge erzieht. Im Vergleich zur Mittagsfrau ist das Erzähltempo hier jedoch deutlich langsamer. Mehr als die äußere Handlung steht hier die innere Entwicklung der Protagonisten im Fokus, ihre Anpassung an die vorherrschenden Verhältnisse in Ost-Deutschland, die sich Anfang der 60er Jahre wie eine Schlinge um den Hals eines jeden freiheitsliebenden Menschen legen.

Wer ständig Freiheit will, wird nur unglücklich; sie wird nie dort sein, wo du bist. (Julia Franck: Rücken an Rücken)

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Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne

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,,Vieles wird mir fehlen. Die Farben des Sommers, die alte Linde, die zarten Grashalme, die Butterblumen, die am Fundament wachsen. Der Duft des Flieders, die Aromen von reifen Äpfeln und Himbeeren, die Geheimverstecke, der Dachboden, wo die Stimmen aus der Vergangenheit klingen, das Brennnesseldickicht am morschen Zaun, das hallende Echo im dunklen Wasser des Gartenbrunnens, das Leuchten des Morgentaus, die tanzenden Sonnenstrahlen auf dem Wohnzimmerboden, die geschwungenen Muster auf der Fensterscheibe, die der Frost zeichnet, der Garten im Schnee, das bläuliche Licht des Winters, der hohe schwarze Himmel, das kalte Licht der fernen Sterne.“ (Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne)

Es sind die kleinen Dinge, an denen die Erinnerung am besten haften bleibt und die kleinen Dinge, die es vermögen, eine große Sehnsucht auszudrücken. Diese Sehnsucht nach einer Heimat, die es längst nicht mehr gibt – die Sowjetunion in ihren letzten Zügen Ende der 80er Jahre – ist in Anna Galkinas kürzlich erschienenem Erstlingswerk deutlich zu spüren. Und das obwohl der Roman vor Gewalt nur so strotzt und ein vernichtendes Bild vom Sowjetmenschen zeichnet. Weiterlesen „Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne“