Jan Böttcher: Y – Ein politischer Beziehungsroman

Jan Böttcher: Y
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,,Zwei Länder, dachte ich, ein Europa. […] Das Y war der einfachste aller Bäume, aller Stammbäume auch. Lasst uns die Stammbäume neu beschriften, dachte ich und legte meinem Sohn die Hand auf die Schulter. Meine Frau und ich, wir waren die armdicken Äste, die sich streckten und nach Hilfe ruderten, die alles aus der Luft griffen, was sich greifen ließ und es dann in den Stamm ihres einzigen Kindes hinableiteten, um ihm bei der Verwurzelung zu helfen. Benji aber, der trug uns. Der musste uns irgendwie tragen. Bis ins hohe Alter. Ertragen auch.“ (Jan Böttcher: Y)

Zwei Länder, ein Europa – so lässt sich die Intention von Jan Böttchers Roman Y (2016) wohl am besten zusammenfassen. Ein ,,großer europäischer Roman“ will er sein, so sagt es zumindest der Klappentext auf dem Buchumschlag. Ein Roman, der deutlich machen will, dass ob Kosovo oder Berlin, wir alle aus dem selben Holz geschnitzt sind, mit dem entscheidenden Unterschied, dass manche härter für das arbeiten müssen, was für andere bereits selbstverständlich, jedoch nicht weniger problematisch ist. Weiterlesen „Jan Böttcher: Y – Ein politischer Beziehungsroman“

Sarah Kuttner: 180° Meer

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Ich mag Sarah Kuttner, die Medienperson, nicht besonders. Schon damals bei Viva redete sie mir einfach viel zu viel, und war dabei auf eine Art selbstverliebt, die ich schlicht unsympathisch fand. Trotzdem komme ich nicht umhin, jeden ihrer Romane zu lesen. Vielleicht weil ihre Erzählerstimme mich irgendwie an eine Freundin erinnert, die ich mal hatte (die Sarah Kuttner selbstverständlich ganz toll fand), vielleicht aber auch aus den gleichen niederen Beweggründen, aus denen man auch schon mal in den Bachelor reinzappt: weil es manchmal Spaß macht, sich über Dinge aufzuregen, die man schlimm findet. Doch dieser Vergleich ist mehr als unfair, denn Kuttners jüngster Roman 180° Meer (2016) hat mit dem Bachelor rein gar nichts gemein. Tatsächlich fand ich ihn sogar besser als Mängelexemplar (2009) oder Wachstumsschmerz (2011). Warum ich dennoch die literaturwissenschaftliche Todsünde begehe und die Autorin mit dem Erzähler gleichsetze?
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Toni Erdmann – Ein Film zum Fremdschämen

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Sich fremdzuschämen ist normalerweise eher unangenehm. Nicht so bei Toni Erdmann (2016). Dieser ziemlich ungewöhnliche deutsche Film von Maren Ade, der heute Nacht einen Golden Globe gewinnen könnte, nutzt dieses Gefühl als treibende Kraft für allerlei Komisches und Tragisches. Am Ende dieses 162 Minuten langen, aber sehr kurzweiligen Films habe ich viel gelacht und war gerührt von einer Vater-Tochter-Geschichte, die trotz aller Skurrilitäten sehr bodenständig ans Herz geht und viele Facetten unserer globalisierten Welt streift. Weiterlesen „Toni Erdmann – Ein Film zum Fremdschämen“

Thomas Hettche: Die Liebe der Väter – von der Not, ein Vater zu sein

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Nachdem ich Thomas Hettches Pfaueninsel so überragend fand, wollte ich unbedingt mehr von ihm lesen und fand Die Liebe der Väter, 2010 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Für einen Roman ist die Handlung ziemlich übersichtlich, so dass einige Rezensenten ihn eher als klassische Novelle bezeichneten. Tatsächlich erzeugt das Buch eine Spannung und Komplexität, die einen dazu anhält, es in einem Stück zu lesen. Dabei bietet es so viele bemerkenswerte Passagen, dass man immer mal wieder innehalten muss, um sich einzelne Sätze auf der Zunge zergehen zu lassen.

 Worum es geht

Der Ich-Erzähler Peter, ein Verlagsvertreter, verbringt die Zeit zwischen den Jahren mit seiner 13-jähringen Tochter Annika auf Sylt. Im Haus einer alten Schulfreundin, samt Ehemann und Kindern, will man gemeinsam Silvester feiern. Doch es hat sich einiges angestaut in Peter, dem die Kindsmutter den Umgang mit Annika erschwert. In der Silvesternacht kommt es zum Eklat. Weiterlesen „Thomas Hettche: Die Liebe der Väter – von der Not, ein Vater zu sein“