In den Gängen – zarte Romanze im Neonlicht des Großmarktes

Kinoplakat: In den Gängen
(c) Departures Film

Da musste ich erst wieder ins Kino gehen, um mich an die Magie des Films zu erinnern. Ich gebe zu, ich hatte sie in den letzten Monaten vergessen. Ins Kino zu gehen, sich einen ganzen Film von Anfang bis Ende anzusehen, ohne die Möglichkeit zu haben, ihn anzuhalten, ohne ihn in Häppchen einzuteilen, das bedeutet eben auch, sich einzulassen. Auf eine Welt, die vielleicht gerade so gar nichts mit der gegenwärtigen Stimmung zu tun hat, dafür aber neue Sichtweisen eröffnet, berührt, inspiriert, eine kleine Offenbarung bietet, die die eigene Welt für zwei Stunden auf den Kopf stellt.

Im Fall von In den Gängen (2018) ist diese Welt ein Großmarkt in der ostdeutschen Provinz, wo der wortkarge, introvertierte Ex-Knacki Christian (Franz Rogowski) versucht, sich durch einen Job in der Getränkeabteilung zu resozialisieren. Dabei findet er in Vorarbeiter Bruno (Peter Kurth) einen väterlichen Freund, (der die Wende nicht überwunden hat und ähnlich einsam ist wie er selbst) und in Marion aus der Süßwarenabteilung (Sandra Hüller aus Toni Erdmann) ein Sehnsuchtsobjekt, das seinem einsamen Dasein wieder Hoffnung gibt. Weiterlesen „In den Gängen – zarte Romanze im Neonlicht des Großmarktes“

Advertisements

Juli Zeh: Unterleuten

Unterleuten von Juli Zeh
(c) btb

Obwohl Unterleuten keine hundert Kilometer von Berlin entfernt lag, hätte es sich in sozialanthropologischer Hinsicht genauso gut auf der anderen Seite des Planeten befinden können. Unbemerkt von Politik, Presse und Wissenschaft existierte hier eine halb-anarchische, fast komplett auf sich gestellte Lebensform, eine Art vorstaatlicher Tauschgesellschaft, unfreiwillig subversiv, fernab vom Zugriff des Staates, vergessen, missachtet und deshalb auf seltsame Weise frei. (Juli Zeh: Unterleuten)

Unterleuten, das ist das 200-Seelen-Dorf in Brandenburg, um das es in Juli Zehs Roman geht. Hier treffen Zugezogene auf Alteingesessene, einfache Dörfler auf politisch korrekte Ex-Großstädter, Traditions- auf Fortschrittswillen. Als hier plötzlich auch noch Windräder errichtet werden sollen, wird die ohnehin schon gespaltene Dorfgemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Es scheint, als verdichteten sich in Unterleuten die gesellschaftlichen Konflikte unserer Zeit.

Das Jahr ist noch so jung und schon könnte es sein, dass ich mein Buch des Jahres gefunden haben. Juli Zehs Unterleuten (2016) hat mich so begeistert wie lange kein Roman mehr. Warum? Weil er klug und komplex ist und dabei auf keiner Seite an Spannung verliert. Weil er vor bitterbösem Sarkasmus strotzt und seinen Protagonisten dennoch liebevoll begegnet. Weil er es schafft, die Stimmung eines Landes und seiner Typen auf ein Dorf herunterzubrechen. Ein großer Gesellschaftsroman, keine Frage, und zugleich ein „Thriller unserer Zeit“, wie ausgerechnet Martin Schulz in der FAZ schreibt, wo er das Buch vor dem Wahlkampf als sein aktuelles Lieblingsbuch präsentierte. Davon sollte man sich jetzt aber nicht abschrecken lassen. Weiterlesen „Juli Zeh: Unterleuten“

Thomas Hettche: Nox – der etwas andere Wenderoman

thomas_hettche_noxWas für ein kranker Scheiß?! So oder so ähnlich könnte die erste Reaktion auf Thomas Hettches Roman Nox (1995) ausfallen. Da ist eine junge Frau, die in der Nacht des Mauerfalls einen Mord begeht und anschließend namenlos und desorientiert durch Berlin irrt und von einer obszönen Situation in die nächste stolpert. Da ist das Mordopfer, ein Schriftsteller und wohl nicht ganz zufällig der Erzähler des Romans, der, während er seine eigene Verwesung kommentiert, seiner Mörderin fasziniert durch die Stadt folgt und sie bei obskuren Orgien beobachtet. Da ist ein Professor mit einer perversen Obsession für das Pathologische und ein bemitleidenswerter Mauerhund, der am Ende als sprechender Erlöser auftritt. Auf den ersten Blick alles irgendwie schräg. Auf den zweiten aber durchaus interessant, denn alles Verstörende was hier geschieht, geschieht parallel zur Maueröffnung, so dass Berlin hier sehr plastisch als geschundene, vergewaltigte Frau auftritt. Weiterlesen „Thomas Hettche: Nox – der etwas andere Wenderoman“