Arno Geiger: Alles über Sally

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Quelle: Hanser

Nachdem Arno Geiger in Es geht uns gut auf so beeindruckende Weise das traurigschöne Wesen der Familie offenbart hat, knöpft er sich in seinem Folgeroman Alles über Sally (2010) das Konzept der Ehe vor. Was bedeutet Ehe in einer Zeit, in der Ehebruch längst kein gesellschaftliches Tabu mehr ist und Lebensabschnittsgefährte an die Stelle lebenslanger Partnerschaften treten?

Bereits in Es geht uns gut sind Ehe und Treue ein entscheidendes Thema. In Alles über Sally zoomt Geiger noch näher an diese Thematik heran. Vielleicht schien es mir deshalb beim Lesen so, als würde ich die Charaktere bereits kennen, als wäre Sally eine alternative Version von Alma, der Figur, die in Geigers Familienepos still die Eskapaden ihres dominanten Ehemanns erduldet und die nun ins Gegenteil verkehrt wird. Vielleicht war ich auch deshalb, ähnlich wie zuletzt bei  Julia Francks Rücken an Rücken, enttäuscht von diesem Roman – die Erwartungen waren einfach zu hoch. Alles über Sally ist ein Versuch, das Wesen der Ehe zu erfassen, der letztendlich an seiner Hauptfigur scheitert.

Worum es geht

Sally und Alfred sind seit über 30 Jahren zusammen. Sie sind verheiratet, haben drei beinahe erwachsene Kinder und ein nettes Haus in einem Wiener Vorort. Sally ist Lehrerin, Alfred Angestellter im Museum. Eigentlich geht es ihnen gut. Doch Sally ist rastlos und zunehmend genervt von Alfred, „dem lebenden Beweis dafür, dass allzu viel Museumsluft träge und weltfremd macht“. Während er sich damit begnügt, jeden Abend gemütlich auf der Couch zu verbringen und akribisch über seine Wehwechen Buch zu führen, zieht es Sally in die Welt hinaus. Vorzugsweise in die Arme fremder Männer, die wieder Aufregung in ihr Leben bringen und ihr Selbstwertgefühl steigern sollen. Sally hält sich nämlich für eine attraktive Frau und hat dementsprechend, wie es so typisch ist, Angst davor, mit zunehmendem Alter unsichtbar für die Männerwelt zu werden. Außerdem ist sie bei einem strengen Großvater aufgewachsen und schleppt seit jeher Komplexe mit sich herum, die sie durch Affären zu kompensieren versucht. Während Alfred sich immer genüsslicher dem Älterwerden hingibt, beginnt Sally eine Affäre mit seinem besten Freund. Weiterlesen „Arno Geiger: Alles über Sally“

Arno Geiger: Es geht uns gut – ein großer Familienroman

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Arno Geigers Es geht uns gut, 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, fiel mir letzten Monat in die Hände und war eine wahrlich intensive Entdeckung, denn ich konnte den Roman kaum weglegen. Dieses Buch ist wie eine Zeitreise: es beginnt in der Gegenwart und führt Kapitel um Kapitel zurück in vergangene Tage der einzelnen Familienmitglieder. Man wird regelrecht hineingesogen in diese melancholische Familiengeschichte, die drei Generationen und 70 Jahre des vergangenen Jahrhunderts umfasst.

 Worum es geht

Es ist April 2001 in der Wiener Vorstadt. Philipp Erlach, ein Schriftsteller in den Dreißigern, hat das Haus seiner Großmutter geerbt. Widerwillig findet er sich in der heruntergekommenen Villa ein, um den Nachlass zu ordnen. Dabei wird schnell klar: Philip hat kein Interesse. Nicht an dem Haus, nicht an den Dingen, die seine Großeltern ihm hinterlassen haben, und schon gar nicht an der eigenen Familiengeschichte. Es scheint, als führe er ein Leben in der Schwebe, ohne sich auf irgendetwas oder irgendwen festzulegen. Seine langjährige Affäre Johanna, eine verheiratete Meteorologin, die nur hin und wieder vorbeischaut, ist sein einziger menschlicher Kontakt. Zumindest bis die Schwarzarbeiter Steinwald und Atamanow auftauchen, um ihm bei der Entrümpelung des Hauses zu helfen. Die infantile, verzweifelte Art und Weise, mit der Philipp versucht, die Freundschaft der beiden zu gewinnen, zeigt umso mehr, wie einsam er ist. Weiterlesen „Arno Geiger: Es geht uns gut – ein großer Familienroman“