Horrorctober: Stephen Kings Es

Lesen im Herbstlaub: Stephen Kings Es

Obwohl ich mich jedes Jahr wieder auf Halloween freue, muss ich auch immer wieder feststellen, dass mein zartes Gemüt sich für das Horror-Genre wenig eignet. Das Leben ist schon aufregend genug, da braucht es kein zusätzliches Adrenalin, um mich nachts wach zu halten. Ich bin auch nicht jemand, der Bungeejumping für eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung hält. Aber wenn da schon ein 1500 Seiten starker Roman darauf wartet, gelesen zu werden – Stichpunkt zweifelhafte Buchgeschenke – dann lässt mir das einfach keine Ruhe.

Zumal es sich bei Stephen Kings Es (1986) um einen Klassiker seines Genres handelt, der so häufig zitiert wird, dass er mittlerweile zum allgemeinen Kulturgut gehört. Dieser goldene Oktober schien mir ein guter Zeitpunkt, um nähere Bekanntschaft mit dem berühmten Horror-Clown zu machen.

Wer oder was ist Es?

Und so war ich erst einmal erleichtert, dass Es nicht einfach der Name dieses hässlichen Killer-Clowns aus der 90er Jahre Verfilmung ist, wie ich immer angenommen habe. Vielmehr ist Es das unaussprechlich Böse, Grauenhafte, das in der Kanalisation einer amerikanischen Ostküsten-Kleinstadt namens Derry haust und seit jeher alle 28 Jahre zum Vorschein kommt, um sich hauptsächlich von Kindern zu nähren. Ob als Clown, als schleimiges Monster oder Riesenvogel – Es klinkt sich in die Köpfe der Kinder ein und bedient sich ihrer Ängste, um sie mit sich in die stinkende Tiefe zu reißen.

Als erneut mysteriöse Mordfälle in Derry die Runde machen, kehren sieben Freunde, die dem Bösen bereits als Kinder ins Gesicht geblickt haben, in ihre Heimatstadt zurück, um dem Grauen endgültig ein Ende zu bereiten.

Coming-of-Age: Die Geschichte eines Sommers

Das bemerkenswerte an Stephen Kings Roman ist, wie strukturiert und detailliert er seine sieben Hauptprotagonisten zum Leben erweckt. Wir lernen die sieben Charaktere – Bill, Ben, Eddie, Richie, Mike, Stan und Beverly – zunächst als Erwachsene in ihren jeweils aktuellen Lebenssituationen kennen. Alle sieben führen nach außen hin mehr oder weniger erfolgreiche Leben und doch ist jeder auf seine Weise verkorkst. Gemeinsam haben sie, dass sie einen Teil ihrer Kindheit – den, den sie in Derry verbracht haben – gänzlich vergessen zu haben scheinen. Bis ein Anruf sie an das Grauen erinnert, das sie im Sommer 1958 als 12-jährige gemeinsam erlebten und das sie noch immer in ihren Albträumen verfolgt.

Dieser Sommer steht im Mittelpunkt des Romans. Nach und nach wird in Rückblenden rekonstruiert, was sich während dieser Sommerferien ereignete. Als die sieben Kids, alle auf ihre Weise Außenseiter, sich anfreundeten und sich als „Club der Verlierer“ nicht nur gegen prügelnde Mitschüler, sondern gegen den Teufel höchstpersönlich stellten. Als Leser können wir uns sofort in diese Kinder hineinversetzen, nicht nur weil jeder von uns selbst einmal Kind gewesen ist, sondern weil die Charaktere bereits so ausführlich als Erwachsene eingeführt wurden. Wir können nachvollziehen, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben und wie diese sie geprägt haben.

Und dann ist da noch das Wunder der Freundschaft, das das Böse zu überstrahlen scheint, das sie sich aber leider nicht über die Kindheit hinaus erhalten konnten. Wahrscheinlich weil solche Freundschaften – gemeinsam gegen den Rest der Welt – überhaupt nur in der Kindheit möglich sind. Zwangsläufig denkt man an Stand by Me (Stephen King beherrscht das Coming-of-Age-Genre wie kein zweiter) und, ja, auch an Stranger Things, das so viel von dem Geist dieses Romans in sich trägt. Würde es nur darum gehen, wie diese Kinder erwachsen werden, könnte ich ewig weiterlesen.

…wenn nur der Horror nicht wär

Doch so detailreich King seine Charaktere und diesen entscheidenden Sommer ihrer Freundschaft schildert, so detailliert schildert er auch die Momente, in denen sie dem Grauen begegnen. Und von diesen gibt es zu meinem Leidwesen sehr viele. Auf jede sonnige Passage am Fluss folgt eine düstere Begegnung. Ob mit dem verwesten Geist des toten Bruders, mit einem blutrünstigen Clown oder sonstigen Personifikationen des Bösen – diese Begegnungen werden so ausführlich beschrieben, dass man die Verwesung und den Gestank der Kanalisation förmlich riechen kann.

Das ist die pure Freude für Horrorfans und mit ein Grund für den Riesenerfolg von Stephen King. Aber für meine schwachen Nerven ist das nichts. So wie King mir generell eine Spur zu vulgär ist und den Fokus zu sehr auf die niederen Instinkte des Menschen legt. Klar, diese niederen Instinkte sind der Stoff aus dem Horror gemacht wird, nur wird mir dabei meistens einfach nur schlecht. Und das ist ein Gefühl, das ich mir selten herbeiwünsche.

Ich habe Es deshalb noch lange nicht ausgelesen, weiß also auch nicht wie es endet oder worauf das Böse in Derry zurückzuführen ist. Ich glaube aber auch, dass es darauf gar nicht ankommt. Stephen Kings Es ist vielmehr ein Stimmungsroman und diese besondere Stimmung, die er erzeugt, passt einfach perfekt zu der heimeligen Zeit rund um Halloween, in der man sich während eines Herbststurmes gut vorstellen kann, dass das Böse da unten lauert.

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass ich den Roman erst einmal weglege und mich nächsten Herbst wieder an die Bilder von Tod und Verwesung herantraue. Auf jeden Fall ist es der beste Stephen King, den ich je angefangen habe, und ganz nebenbei rechnet er darin auch noch mit dem Literaturbetrieb ab, der ihn und das Horror-Genre belächelt.

Kann eine Geschichte nicht einfach eine Geschichte sein? (Stephen King: Es)

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